ECKERNFÖRDER ZEITUNG
Die unterschätzte Sucht
Eckernförde. Die Zahlen sind überraschend und erschreckend zugleich: Rund 10 000 Menschen in Schleswig-Holstein sind glücksspielsüchtig, etwa genauso viele haben Probleme, vom Automaten oder Rouletttisch loszukommen. "Bei der Bekämpfung von Süchten spielt Glücksspiel nur eine kleine Rolle. Dabei sind viele Menschen aller Gesellschaftsschichten betroffen und es gibt gute Hilfswege und Angebote", unterstreicht Bernd Mukian von der Beratungs- und Behandlungsstelle der Diakonie-Suchthilfe "Stadtmission" in Kiel.
Der Sozialtherapeut muss es wissen, behandelt er doch seit vielen Jahren Glücksspielsüchtige auch aus Eckernförde und Umgebung mit zum Teil beachtlichem Erfolg. "Die Erfolgsquote bei der ambulanten Glücksspiel-Therapie liegt bei über 50 Prozent", betont Mukian, der jedoch bedauert, dass viel zu wenige Süchtige den Weg zur Beratungsstelle suchen. Dafür müssten diese zunächst gar nicht den Weg nach Kiel finden, da auch in der Eckernförder Diakoniestation Erstgespräche und Beratungen angeboten werden. Was 1984 mit den "Groschengräbern" begann, ist längst eine vom Staat gesteuerte Großeinnahmequelle geworden. Mukian: "Seit 1999 sind die staatlichen Einnahmen durch Glücksspiel höher als die durch Alkohol." Damit erklärt sich auch, dass nicht nur die Glücksspielautomaten oder die in Casinos angebotenen Spiele wie Black Jack (17 und 4) oder Roulette dem Glücksspielsektor zuzurechnen sind. Auch die vielen Lottovarianten schaffen Süchtige, die zunächst einmal Geld gewinnen wollen, später jedoch ganz anderen Reizen nachgeben, wie Mukian betont: "Viele Spieler spielen, weil sie abschalten wollen. Das ist der sogenannte emotionale Gewinn. Dazu kommt die Stimulation über das Gehirn, dass Gefühle wie angenehm und unangenehm vermittelt, ähnlich der Einnahme von Kokain oder Extasy." Weiterer Antrieb sei das gesteigerte Selbstwertgefühl im Falle eines Gewinnes, Geld wirke sozusagen als Machtfaktor. Frappierend ist der geschlechtsspezifische Unterschied beim Glücksspiel: Etwa 80 Prozent aller Süchtigen seien männlich.
Viel stärker als bei anderen Suchterkrankungen stürzten sich Glücksspielsüchtige in Schulden und bauen Lügengebäude um sich auf, um an Geld zu gelangen. "Drei Viertel aller Spieler haben Schulden, ein Drittel ist in der Konsequenz beschaffungskriminell. Ebenfalls ein Drittel aller Spieler hat bereits einen Selbstmordversuch unternommen", sagt Mukian.
Eine weitere Überraschung: Schleswig-Holstein und Eckernförde sind deutschlandweit mit an der Spitze beim Glücksspiel, wie der Diplom-Sozialpädagoge mit Zahlen bestätigt: "Auf 339 Einwohner kommt im Land ein Spielhallengerät, damit liegt Schleswig-Holstein auf Platz zwei. Ähnlich hoch ist die Quote mit 356 Einwohnern pro Spielhallengerät in Eckernförde." Anhand aktueller Zahlen aus diesem Jahr gibt jeder Einwohner Eckernfördes im Schnitt pro Jahr 72 Euro für Glücksspiel aus, woraus sich ein Gesamtumfang von 1,632 Millionen Euro ergibt.
Als Suchterkrankung ist Glücksspiel seit 2000 anerkannt. Neben Beratung und Selbsthilfe werden ambulante und stationäre Therapie genauso angeboten wie Reha- oder Nachsorgemaßnahmen. Über Eckernförde und Kiel gibt es für Süchtige zudem das Vermittlungsangebot, sich in Fachkliniken wie Bredstedt oder Schwerin stationär behandeln zu lassen. Wichtigste Voraussetzung dafür ist jedoch der eigene Therapiewille.
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