ECKERNFÖRDER ZEITUNG

 

Winterdinner mit Flüchtlingsdrama

09. Februar 2010 | Von Gernot Kühl

Juli 2004: Die "Cap Anamur" beim Einlaufen in den Hafen von Porto Empedocle auf Sizilien. Foto: dpa

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Eckernförde. "Innerlich regt mich das immer noch sehr auf", sagt Kapitän Stefan Schmidt den über 100 Gästen des 3. Eckernförder Winterdinners zwischen Vorspeise und Wildteller im Stadthallenrestaurant. Der quälend lange, dreijährige Schauprozess in Agrigent auf Sizilien wegen Beihilfe hat Spuren hinterlassen, die keineswegs mit dem Freispruch am 7. Oktober 2009 vergessen sind. Der erfahrene Lübecker Seemann und Kapitän des Hospital- und Hilfsschiffes "Cap Anamur" hat mit seiner Besatzung im Juni 2004 37 afrikanische Bootsflüchtlinge im Mittelmeer vor dem sicheren Tod gerettet. Das Problem: Weder Deutschland, noch Malta, noch Italien wollten sie aufnehmen. Nach drei Wochen auf See drohte die Situation an Bord zu eskalieren, Hungerstreik, Zusammenbrüche, Suizidgedanken. Kapitän Schmidt wandte sich unter Hinweis auf die Notsituation an die italienische Regierung und bat um eine Einlauferlaubnis- keine Reaktion. Schmidt steuerte den Hafen Empedocle auf Sizilien an - und wird festgenommen, zusammen mit Elias Bierdel, dem Vorsitzenden des Komitees "Cap Anamur", und dem Ersten Offizier des Hilfsschiffs, Vladimir Daschkewitsch. Die Anklage: "Beihilfe zur illegalen Einwanderung in einem besonders schweren Fall", die Staatsanwaltschaft fordert vier Jahre Haft und 400 000 Euro Geldstrafe. Zu diesem Zeitpunkt sind 36 der 37 Sudanesen längst abgeschoben. Nach einer Woche Haft auf Sizilien kommen die Drei zwar wieder frei, doch Italien will ein Exempel statuieren und mit einem Prozess allen Seemännern ins Logbuch schreiben: Kümmert euch nicht um Bootsflüchtlinge aus Afrika, sonst droht Ärger. Kapitän Schmidt ("Die Urteilsverkündung war eine Farce") hat die Lektion verstanden - aber auf seine Weise: Er gründete zusammen mit Elias Bierdel "borderline-europe - Menschenrechte ohne Grenzen" (www.borderline-europe.de). Die Organisation prangert die Abschottung der europäischen Grenzen an, weist auf die damit verbundenen menschlichen Dramen hin und macht sie öffentlich. "Wer nicht ankommt, macht keine Probleme", so dächte man in den europäischen Mittelmeerländern, sagt Schmidt. Fassungslos berichtete er von nächtlichen Kommandofahrten mit MP-Einsatz türkischer Militärs an der Grenze zu Griechenland.

Am Freitagabend erreichte er mit seinem Vortrag "Menschenrechte in Seenot" beim "Winterdinner" der fünf Eckernförder Serviceclubs, das wechselseitig und in diesem Jahr vom Rotary Club Eckernförde ausgerichtet wurde, über 100 Multiplikatoren. Neben der Aufklärungsarbeit konnte Schmidt einen weiteren Erfolg verbuchen: Die Teilnehmer spendeten für "borderline-europe" 2550 Euro.

"Leute retten kann doch nicht bestraft werden!" - mit diesem Satz hat Stefan Schmidt auf das Missverhältnis zwischen humanitärem Engagement und staatlicher Drangsalierung in der südeuropäischen Grenzregion hingewiesen. Zwar weiß auch er, dass Europa nicht alle afrikanischen Flüchtlinge aufnehmen kann, fordert aber einen humanen Umgang mit ihnen und das Ende staatlicher Übergriffe auf See und der rigorosen Abschottungspolitik. Schmidt schilderte ausführlich anhand eines mitlaufenden Films die Situation an Bord von der ersten Sichtung der Flüchtlinge am 20. Juni 200 Kilometer von der Küste entfernt ("Der Zweite Offizier meldete einen schwarzen Strich in einiger Entfernung") über Scheinangriffe vermummter italienischer Schnellbootbesatzungen mit Maschinenpistolen in internationalen Gewässern bis zur Festnahme in Italien ("Bei den Gefängnisinsassen und dem Personal waren wir die Helden").

Der erfahrene Kapitän und Lehrer für Schiffssicherheit an der Seemannschule in Travemünde hatte aus Überzeugung auf der "Cap Anamur" angeheuert, die Hilfsgüter in Krisengebiete bringt und Verletzte an Bord versorgt. Dafür verzichtete er auf viel Geld und verrichtete seinen humanitären Einsatz wie alle anderen neun Besatzungsmitglieder auch für 1100 Euro im Monat. Die Internationale Liga für Menschenrechte hat Stefan Schmidt für seine Zivilcourage und seinen Einsatz für die Menschenrechte am 13. Dezember 2009 die Carl-von-Ossietzky-Medaille 2009" verliehen.

Der Präsident des RC Eckernförde, Waldemar Behn, dankte dem Gastredner für seine Schilderung. "Die Festung Europa gibt es wirklich", sagte Schmidt in der folgenden Diskussion und übte Kritik an der im Verborgenen operierenden europäischen Grenzschutzorganisation "Frontex". Auch der damalige Bundesinnenminister Otto Schily kam bei ihm nicht gut weg: Es hätte von ihm keine Unterstützung gegeben, die "Cap Anamur" habe acht Monate "an der Kette gelegen", ohne dass es jemanden interessiert hätte. Lebensmittel für hunderttausende Euro an Bord seien "vergammelt". Der frühere Landesinnenminister Klaus Buß (Lions Club Eckernförde) wies darauf hin, dass Europa nicht alle Flüchtlinge aufnehmen könne, und forderte eine effektivere Entwicklungshilfe, um Perspektiven für die Menschen in armen Ländern zu entwickeln. Vor dem Einsatz von Kapitän Schmidt habe er größten Respekt. Dem konnten sich alle anderen Redner nur anschließen.


 

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