ECKERNFÖRDER ZEITUNG
"Mit uns muss man immer rechnen"
Eine Verwarnung, kurz "Ticket": Sogar die Ventilstellung (06=Stellung 18 Uhr) ist erfasst.
Eckernförde. 27 000 Mal haben Hannelore Beyer, Brigitte Lembke und Christoph Christiansen 2011 ihr elektronisches Erfassungsgerät gezückt, Kennzeichen, Standort, Uhrzeit und Stand der Räder eingetragen, das "Ticket" ausgedruckt, in einen Schutzumschlag und hinter den Scheibenwischer des geparkten Fahrzeugs gesteckt. Mit anderen Worten: den Autofahrern 27 000 Mal ein Verwarnungsgeldangebot zwischen fünf und 25 Euro gemacht. Jeder zweite Verwarnte hat angenommen und gezahlt, die andere Hälfte musste erst nach einer 14-tägigen Frist schriftlich daran erinnert werden - die große Mehrheit zahlte dann. Bis auf 2574 Verkehrsteilnehmer, die weiterhin nicht zahlten. Für sie wurde es umso teurer: 30 Tage nach dem "Vergehen" flatterte ihnen ein Bußgeldbescheid ins Haus: Aus den fünf Euro für eine Parkzeitüberschreitung bis zu 30 Minuten wurden so inklusive Gebühren und Zustellung von 18,90 Euro 23,90 Euro. Nur knapp ein Prozent - 25 Autofahrer - haben im vergangenen Jahr auch dagegen Einspruch eingelegt. "Das war früher mal ganz anders", sagt Klaus Kaschke, Leiter der Ordnungsbehörde. Unter dem Strich hat die Stadt 2011 Einnahmen aus der Verkehrsüberwachung in Höhe von 252 706 Euro eingenommen - Verwarnungs- und Bußgelder. In etwa das Niveau der Vorjahre. Die Parkeinnahmen stiegen 2011 nach der Anhebung von 700 000 auf 887 500 Euro.
Für Klaus Kaschke sind diese Zahlen nicht unbedingt ein Grund zum Jubeln. "Uns geht es nicht darum, die Leute zu ärgern, sondern wir müssen den Verkehrsfluss aufrecht erhalten und auf die Einhaltung der Regeln achten", sagt der Leiter des Amtes für Ordnungs- und Sozialwesen. Da die Polizei sich nahezu komplett aus diesem Gewerbe zurückgezogen habe, hätten die Kommunen diese Aufgabe übernehmen müssen. In Eckernförde seit dem 1. Oktober 1991. Gisela Vick, inzwischen im Ruhestand, und Hannelore Beyer, noch heute im Einsatz, waren nach sechswöchiger Schulung durch die Polizei in Rendsburg die Politessen der ersten Stunde im Ostseebad. "Ich dachte, dass ich das maximal fünf Jahre machen wollte", sagt die inzwischen dienstälteste Verkehrsüberwacherin Eckernfördes. Aus fünf sind 21 Jahre geworden. Die Zeit der großen Anfeindungen aus den Anfangsjahren sei vorbei, erzählt die große, stämmige Angestellte, die durchaus respekteinflößend auftreten und auch mal einen Streit ausfechten kann. Die Leute hätten sich inzwischen an die Verkehrsüberwachung gewöhnt. Zwar gebe es immer mal wieder uneinsichtige Autofahrer, aber deutlich weniger als vor einigen Jahren. "Freundlich bleiben und versuchen, ihnen den Wind aus den Segeln zu nehmen", so gehe sie mit den Leuten um. Aber es gebe auch Grenzen, dann beendet Hannelore Beyer das Gespräch.
Nur die Zahl und die Kreativität der Ausreden, die sei nicht gesunken. Beim Leiter des Ordnungsamtes landen teilweise die absonderlichsten Begründungen fürs Falschparken, sagt Kaschke. Und wegen fünf Euro gebe es "mit studierten Leuten" manchmal langen Schriftverkehr. Einer habe zum Beispiel behauptet, dass er seine Parkzeit immer korrekt eingestellt habe, nämlich auf die Zeit, zu der er nach dem Parken wieder ins Auto steigt - am Ende musste auch er zahlen.
"Ich möchte mal eine Lanze für die jungen Leute brechen", sagt Hannelore Beyer. "Die gehen sehr gelassen mit der Situation um und haben mich noch nie angepöbelt." Ganz anders als "die älteren Herrschaften, überwiegend ältere Frauen". Der Ordnungsamtsleiter vermutet, dass sich ältere Menschen - und seien es auch nur fünf Euro - ertappt fühlten und sich wie Straftäter vorkämen. Auf der anderen Seite werde das "Ticket" vielfach auch einfach billigend in Kauf genommen.
Die Einsatzzeiten der drei Teilzeitkräfte in der Verkehrsüberwachung werden im Rathaus und untereinander koordiniert. Grundregel: Es ist immer mindestens einer unterwegs, auch am Wochenende und abends immer zu zweit. Kontrolliert wird das gesamte Stadtgebiet zwischen Südstrand und Imland-Klinik. Schwerpunkt ist dabei die Innenstadt, die die höchste Verkehrs- und Parkdichte hat und sich gut zu Fuß bestreifen lässt. "Mit uns muss man immer rechnen", sagt Hannelore Beyer. Oftmals würden sie von genervten Anwohnern angerufen, weil Einfahrten und Wege zugeparkt sind.
"Problembereiche" seien der Zweite Steg am Hafen, wo nach dem Umbau zum verkehrsberuhigten Bereich nicht mehr geparkt werden dürfe und aufgeschrieben werden müsse, sagt Kaschke. Ärger gebe es auch immer wieder mit der rechten Seite der Schiffbrücke am Hafen und der Langebrückstraße, die ebenfalls zum verkehrsberuhigten Bereich gehörten und nicht frei beparkt werden dürften. Es gilt die Grundregel: Parken ist nur auf ausgewiesenen Stellplätzen erlaubt - sonst "Ticket".
Überhaupt seien es zu 80 Prozent einheimische Autofahrer, die Parkzeiten überziehen oder sich ins Halte- oder Parkverbot stellen, betont die langjährige Verkehrsüberwacherin. Touristen und Auswärtige schauten genauer hin und seien grundsätzlich bereit, fürs Parken auch zu zahlen. "Komisch genug, ich habe seit 20 Jahren mit Touristen kein Problem, die würden auch das Fünffache zahlen." Für Touristen seien die präsenten Ordnungskräfte auch willkommene Auskunftgeber: "Wo ist die Bonbonkocherei, wo ein Fischlokal, wie komme ich zum Hafen?" Und "viele nette Gespräche" führt Hannelore Beyer auch mit älteren Menschen, die sich über ein persönliches Wort sehr freuen. "Vielleicht sind wir die einzigen, mit denen sie am Tag sprechen."
Hannelore Beyer, die in ihrer Anfangszeit selbst dem Fahrer von Bundeskanzler Helmut Kohl ein "Ticket" verpasste, weil er verkehrswidrig - aber sicherheitsgerecht - auf dem Stadthallenvorplatz stand, wundert sich, dass das bequeme und stressfreie Handyparken nur sehr zögernd angenommen wird. Einmal freigeschaltet, reicht ein Anruf oder SMS, um die Parkzeit flexibel festzulegen. Umso mehr werde Gebrauch von der "Brötchentaste" gemacht" - freies Parken in der ersten halben Stunde. Da diese auch oft mehrfach nacheinander gedrückt werde, wacht Beyer über die minutengenaue Einhaltung dieser (Frei-)Zeiten besonders streng.
In Eckernförde gibt es in der Innenstadt mehr gebührenfreie als gebührenpflichtige Parkplätze: 1467 zu 1169, ohne die 244 Plätze in der Preußerstraße, die im Sommer gebührenpflichtig und im Winter gebührenfrei sind. Für Hannelore Beyer sind das genug. "Die acht Wochen im Sommer kann keiner wegstecken", sagt sie. Würde man noch mehr Parkplätze bauen, würden man fast ganzjährig Überkapazitäten schaffen.
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