ECKERNFÖRDER ZEITUNG

 

Holstein-Fan in der Defensive

04. Februar 2012 | 06:40 Uhr | Von Gernot Kühl

21-Jahriger muss sich für mehrere Taten verantworten

Eckernförde. Runde zwei im Prozess gegen einen 21-jährigen Fan von Holstein Kiel, der bis vor kurzem der Ultra-Szene "Supsiders" angehörte. Das Amtsgericht Eckernförde rollt in einem Verfahren gleich drei mutmaßliche Vergehen den jungen Mann auf.

Am 17. Januar stand die Schlägerei vom 7. November 2010 im Umfeld der Raisdorfer Discothek "Atrium" mit Mitgliedern der Clique "La Familia" im Blickpunkt (siehe EZ v. 18. Januar), gestern ging es um eine Massenschlägerei vor dem Veranstaltungszentrum MAX in der Kieler Eichhofstraße. Auch dort waren die beiden Gruppen am 9. April 2011 aneinander geraten: Nach Streitigkeiten in der Disco zwischen den Holstein-Fans und einer Gruppe aus dem Umfeld der "La Familia"-Szene sollte der Streit gegenüber auf dem Nordmarksportfeld körperlich ausgefochten werden. Die "La Familia"-Gruppe wartete dort vergeblich, ging wieder zurück und traf vor der Disco auf die versammelten Holsteiner. Nach Polizeiangaben waren rund 20 junge Männer in die Auseinandersetzung verstrickt.

Der Verlauf ähnelt den üblichen Auseinandersetzungen leicht reizbarer und latent gewaltbereiter junger Männer, die getrunken haben und dem Gruppenzwang unterliegen: Provokationen, Machtdemonstrationen, Gewalt. Mittendrin der Angeklagte. Ihm wird vorgeworfen, mit einer Alustange zwei Mitglieder der anderen Gang verletzt zu haben. Ob vorsätzlich als aggressiver Akt oder - wie der Angeklagte und ein mit ihm befreundeter Zeuge behauptet - als Schutz vor Übergriffen konnte gestern nicht zweifelsfrei geklärt werden. Der 21-Jährige gab an, die Stange auf der Straße gefunden zu haben, er habe sie ergriffen, um die Angreifer auf Distanz zu halten. "Die sind auf uns losgegangen, ich habe mit der Stange hin- und hergefuchtelt, um sie auf Abstand zu halten", schilderte der Angeklagte die Szene. Die Angreifer seien bedrohlich nahe gekommen, hätten Flaschen und Steine in Händen gehabt. "Einer wollte mir einen Pflasterstein ins Gesicht werfen, ich musste mich schützen. Es kann sein, dass ich ihn mit der Stange getroffen habe", aber daran könne er sich nicht mehr genau erinnern.

Zwei 17 Jahre alte Zeugen aus der gegnerischen Gruppe, die beide leichte Verletzungen durch das Schlagwerkzeug davon getragen haben, schilderten den Vorfall anders. Einen Pflasterstein will niemand in Händen gehabt haben und auch niemanden mit einem solchen gesehen haben. Einer der beiden gab an, seinen direkt vor dem Angeklagten stehenden Freund weggezogen zu haben, "damit er nicht die Stange in die Rippen kriegt". In dem Moment sei die Stange auch schon auf ihn zugeflogen, er habe sie mit dem Arm abgewehrt, wodurch er eine Prellung und Schnittwunde erlitten habe.

Der 35-jährige Polizist, der in der Nacht als einer der ersten am Tatort erschien, hat den Angeklagte mit der Stange in der Hand in bedrohlicher Weise auf die gegenüberstehende Gruppe zulaufen sehen, die etwa 20 Meter entfernt auf der anderen Straßenseite stand. "Ein Katz-und-Maus-Spiel nach dem Motto ’Kommt doch her, wenn ihr was wollt’". Als der 21-Jährige dann die Polizei bemerkte, habe er die Stange fallen lassen und flüchtete. Er habe ihn verfolgt und nach zweimaligem Straucheln mit Hilfe von Pfefferspray und Handfesseln am Boden fixieren können, sagte der Polizist. "Er hat wild mit Armen und Beinen um sich geschlagen". Der Angeklagte wiederum gab an, die Hände gehoben und sich ergeben zu haben: "Hallo, ich mach nix".

Zur Entlastung des Angeklagten konnte allerdings auch sein Freund (17) nicht so recht beitragen, der damals betrunken war und sich nur bruchstückhaft an die Vorfälle erinnern konnte. Im dritten Termin am 24. Februar sollen weitere Zeugen zu den Vorfällen gehört werden. Zudem werden dann auch die Vorfälle vom Bahnhof in Nienburg an der Weser geklärt. Die feucht-fröhliche Auswärtstour von rund 60 Holstein-Fans zum Auswärtsspiel beim TSV Havelse endete dort in einer Auseinandersetzungen mit der Bundespolizei. Der Angeklagte soll einer der Rädelsführer gewesen sein.

Die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe legte dem jungen Mann, der Hausverbot im Holstein-Stadion hat, auf jeden Fall ein Anti-Gewalt-Training ans Herz. Vielleicht ist das ein weiterer Schritt, um sein Leben in neue Bahnen zu lenken. Einen hat er bereits selbst unternommen: Vor zwei Monaten hat er sich nach eigenem Bekunden aus der Ultra-Szene verabschiedet und spielt stattdessen wieder selbst Fußball.


 

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