ECKERNFÖRDER ZEITUNG

 

Die unterschätzte Branche

04. Februar 2012 | 00:10 Uhr | Von Henning Baethge

Entspannter Sommer an der Küste: Der Tourismus beschert dem Norden 170 000 Vollzeitstellen. Foto: dpa

Eine Studie untersucht erstmals den Wirtschaftsfaktor Tourismus - mit erstaunlichen Ergebnissen

Berlin / Kiel. Kurze Quizfrage: Wofür geben die Deutschen beim Urlaub in ihrem Heimatland am meisten Geld aus? A: Fürs Übernachten? B: Fürs Essen und Trinken? C: Fürs Tanken? D: Fürs Shoppen? Die richtige Antwort lautet D: Ein Drittel ihres Reisebudgets verwenden die Bundesbürger für Kleidung, Schmuck oder andere Andenken. Dagegen brauchen sie durchschnittlich nur ein gutes Fünftel für Restaurants, ein Zehntel für Benzin und ein Zwölftel für ein Dach über dem Kopf.

Die überraschende Erkenntnis ergibt sich aus einer neuen Studie über den "Wirtschaftsfaktor Tourismus", die die Bundesregierung gestern in Berlin vorgestellt hat. Darin hat sie vom renommierten Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erstmals umfassend untersuchen lassen, wie wichtig die von vielen Dienstleistungszweigen getragene Branche für die Volkswirtschaft tatsächlich ist. Ergebnis: Mit einer Wertschöpfung von 97 Milliarden Euro steuert der Fremdenverkehr 4,4 Prozent zur Wirtschaftsleistung bei - damit liegt er vor dem Bankensektor, der Autoindustrie oder dem Baugewerbe. "Der Tourismus ist ein ökonomisches Schwergewicht", schlussfolgerte der Tourismusbeauftragte der Bundesregierung, Ernst Burgbacher (FDP).

Noch deutlicher wird das bei den Beschäftigtenzahlen. 2,9 Millionen Menschen arbeiten direkt für den Tourismus - das sind sieben Prozent aller Erwerbstätigen und mehr als in der öffentlichen Verwaltung oder in Schulen, Unis und Kindergärten. "Unsere Branche wird viel zu häufig unterschätzt, weil sie nicht von großen Unternehmen, sondern von vielen Mittelständlern geprägt ist", resümierte Klaus Laepp le, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Tourismuswirtschaft.

In der Studie haben die DIW-Forscher nicht nur die Daten zu den typischen Tourismus-anbietern wie Reiseveranstaltern, Hotels, Gaststätten oder Fluglinien erhoben. Vielmehr haben sie auch ermittelt, inwieweit Einzelhandel, Theater, Museen oder Tankstellen von Urlaubern profitieren. Zahlen für die Bundesländer haben die Wissenschaftler in der aufwändigen Studie nicht ermittelt.

Für Schleswig-Holstein gebe es allerdings schon ausreichend Daten, sagte ein Sprecher von Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Jost de Jager (CDU). So kommt eine Studie der Fachhochschule Westküste in Heide (FHW) aus dem Jahr 2010 zu dem Ergebnis, dass der Wertschöpfungsanteil des Fremdenverkehrs im Land bei 3,6 Milliarden Euro oder rund sechs Prozent liegt - und damit klar über dem Bundeswert. Daraus errechnet die FHW 170 000 Vollzeitstellen im Norden. "Für Schleswig-Holstein ist die Bedeutung des Tourismus von herausragender Bedeutung", sagte de Jagers Sprecher. Das werde auch deutlich, wenn man die Zahl der Übernachtungen pro tausend Einwohner betrachte: Sie sei mit 8500 viel höher als der Bundesschnitt von 5000. Und im abgelaufenen Jahr sei noch ein "leichtes Plus" hinzugekommen.


 

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