ECKERNFÖRDER ZEITUNG

 

Bürgerversicherung

15. Februar 2012 | 00:05 Uhr | Von Raju Sharma

Seit den 1970-er Jahren verzichtete keine Regierung auf eine oder mehrere Gesundheitsreformen. Für die meisten Versicherten bedeutete dies: Steigende Beiträge, neue und höhere Zuzahlungen, Praxisgebühr, Zusatzbeiträge und Abstriche bei den Leistungen. Pflegekräfte in Kliniken klagen über kleine Gehälter, lange Arbeitszeiten und über viel zu wenig Zeit, um Patienten die nötige Zuwendung zukommen zu lassen. Überall fehlt es an Fachärzten, und in manchem Ortsteil von Eckernförde gibt es zwar drei große Supermärkte direkt nebeneinander, aber für einen Hausarzt oder eine Apotheke muss man lange laufen.

Die Reformen änderten nichts: Beiträge stiegen, ohne dass sich die Versorgung gebessert hätte. Entlastungen gab es für Arbeitgeber und - zumindest anfangs - für wenige privat Versicherte. Mittlerweile klagen auch private Versicherungen über steigende Kosten und reagieren mit Beitragserhöhungen und der Einschränkung von Leistungen.

Ein zukunftssicheres Gesundheitswesen braucht Kostentransparenz und weniger Bürokratie - Wettbewerb hingegen nicht. Krankheit ist kein Business und Gesundheit keine Ware. Die Rentnerin mit neuem Hüftgelenk wird sich niemals rechnen - und das ist auch nicht nötig.

Den jüngst gemeldeten Milliardenüberschüssen der Krankenkassen steht eine dramatische Unterversorgung von weiten Teilen der Bevölkerung gegenüber, weil es an der entsprechenden Infrastruktur fehlt oder weil die Betroffenen sich bestimmte Behandlungen oder Medikamente nicht leisten können.

Auch die Frage nach der Finanzierung steht im Raum: Schon heute wird die gesetzliche Krankenversicherung der modernen Arbeitswelt nicht mehr gerecht. Freiberufler, Selbstständige, Politiker, Freelancer und Teilzeitbeschäftigte sind nur auf freiwilliger Basis oder unzureichend an der gesetzlichen Krankenversicherung beteiligt. Immer weniger Versicherte müssen die Kosten tragen. Die Linke fordert daher eine solidarische Bürgerversicherung, in die alle einzahlen - und zwar mit allen Einkommensarten wie Löhnen, Kapitalerträgen, Honoraren oder Abgeordneten-Diäten. Für die meisten Versicherten würden die Beiträge sinken. Starke Schultern jedoch müssten mehr tragen, damit die Krankenversicherung für diejenigen da ist, die sie brauchen. Mit der Bürgerversicherung würde der Begriff der Solidargemeinschaft endlich wieder mit Leben gefüllt.

Ob es angesichts einer sich grundlegend verändernden Arbeitswelt sinnvoll ist, auch in Zukunft die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung nach dem Bismarck'schen Versicherungssystem des 19. Jahrhunderts zu organisieren, steht auf einem anderen Blatt. Das steuerfinanzierte Modell unserer skandinavischen Nachbarn scheint mir deutlich zukunftsträchtiger - übrigens auch, was die Leistungen und die Offenheit für die oftmals kostengünstigeren alternativen Heil- und Behandlungsmethoden betrifft.


 

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