FLENSBURGER TAGEBLATT
Flensburg/Ghazni
Abschiebung ins Land der Taliban
Würden gern in Deutschland bleiben: Mohammad-Hashem und Mohamad-Nassim Karimi fürchten als Christen in Afghanistan um ihr Leben. Foto: dewanger
Flensburg / Ghazni. Von Deutschland hatten die beiden afghanischen Brüder gehört, es sei das beste Land der Welt. Die Wahrscheinlichkeit jedoch ist hoch, dass sie es wieder verlassen müssen. Mohamad-Nassim Karimi und Mohammad-Hashem Karimi, so stehen die Namen in ihren Dokumenten, fürchten in ihrer Heimat um ihr Leben, denn sie sind zum Christentum konvertiert.
Vor drei Jahren sind die Karimi-Brüder aus Ghazni geflohen, einem Ort nahe Kabul. Vorausgegangen war ein Feuergefecht zweier Gruppen auf der Straße, in das sie nicht hineingeraten wollten. Die Taliban habe ihr Haus aufgesucht, erzählt der 20-jährige Nassim Karimi in brüchigem Deutsch, und dass der Vater die Jungen zur Flucht animiert habe. "Wir kämpfen nicht", ergänzt der drei Jahre ältere Hashem. So suchten sie zunächst Unterschlupf bei der Schwester und gaben sich dann in die Hände von Schleusern. Diese brachten die Brüder über den Iran, die Türkei und Griechenland nach Deutschland, sagen sie.
Nassim und Hashem Karimi sind gebeten, in dieser Woche in der afghanischen Botschaft in Berlin Ersatzausweise zu beantragen. Dies wertet ihr Rechtsanwalt Ingo Emigholz aus Hamburg als Hinweis dafür, dass die Behörde das Ende des Aufenthalts der Brüder einleitet. Über Asylanträge entscheidet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Den ersten Asylantrag der Karimis lehnte die Behörde ab; der Asylfolgeantrag beruhe auf einem schriftlichen Verfahren und habe keine aufschiebende Wirkung, erläutert Emigholz. Angesichts der Statistik sieht er "minimale Chancen", dass der Folgeantrag positiv beschieden wird; "Pro Asyl" geht von durchschnittlich 84 Prozent abgelehnten Asylanträgen aus.
"Wenn ein Moslem Christ wird, hat er ein Problem. Sie töten diese Leute", sagt Nassim Karimi. Nassim erzählt von einem "normalen Leben" damals in Afghanistan. "Als Kinder hatten wir viele Fragen im Kopf", erklärt er und dass sie viel gelesen hätten. Wann immer sie aber zu Gott gefragt haben, setzte es Schläge. Der Nachbar habe einst den Vater auf die Wissbegierde der Knirpse angesprochen; ihr Vater mahnte, sie sollten fortan zu Hause lesen und fragen, nicht draußen. In Hamburg hätten sie alsbald Landsleute kennen gelernt, die ihnen die afghanische Gemeinde empfahlen, die von einem ehrenamtlichen Pastor aus Afghanistan betreut wird. Dort seien die Brüder nach einigem Zögern hingegangen und ins Gespräch gekommen. Zunächst in großen Abständen und mit etwas Angst, doch allmählich häufiger und in Vorfreude auf die gute Atmosphäre hätten sie die Gemeinde besucht. Vielleicht haben die Worte des Pastoren "mein Herz erreicht", mutmaßt Nassim Karimi. Und Hashem fügt das Ereignis ihrer Taufe nach einigen Monaten hinzu, spricht von "den richtigen Büchern" und sagt, dass sie heute mit Muslimen rege über Jesus diskutieren.
Inzwischen leben sie zu dritt in einer Wohngemeinschaft in Flensburg und gehören der hiesigen evangelisch-freikirchlichen Gemeinde an. Dort lernten sie Peter Schröder kennen, den das Schicksal der Brüder berührt. "Es kann sein, dass sie hier bleiben können, aber es ist nicht sicher", fasst er zusammen. Pastor André Peter weiß, dass die Karimi-Brüder regelmäßig Gemeinde-Veranstaltungen besuchen und bemüht sich, für die Afghanen etwas zu erreichen, etwa, indem er den Anwalt unterstützt. Ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes macht ihm Mut. Denn im Falle zweier Pakistani entschieden die Richter im Herbst, dass Flüchtlingen das Asyl nicht verwehrt werden darf mit dem Hinweis darauf, man könne sich bestimmter öffentlicher Glaubenbekundungen im Heimatland enthalten.
Bei der ersten Anhörung vor dem Schleswiger Verwaltungsgericht im Asylverfahren waren auch der afghanische Pastor aus Hamburg und Hans Rothkegel dabei. "Für uns ist das Urteil des Richters nicht nachvollziehbar", sagt Rothkegel, der Gemeindebeauftragte für die Afghanische Gemeinde in Hamburg-Altona.
Dr. Reinhard Erös kennt die Brüder nicht, aber Afghanistan wie seine Westentasche. Der Arzt aus Regensburg und Gründer der Kinderhilfe Afghanistan ist dort seit 30 Jahren aktiv. Afghanistan sei mit geringen Minderheiten von einigen Hundert Sikhs und einigen Tausend Hindus ein ausschließlich moslemisches Land. Sich als Afghane in Deutschland auf politische beziehungsweise religiöse Verfolgung in Afghanistan zu berufen, um nicht abgeschoben zu werden, hält er für problematisch, solange die Taliban nicht an der Macht sind.
Die Einschätzung der Menschenrechtsorganisation "Open Doors" weicht davon ab. Ihr Weltverfolgungsindex ist eine Rangliste von 50 Ländern, die anzeigt, wo Christen wegen ihres Glaubens am stärksten verfolgt und diskriminiert werden. Afghanistan steht dort auf Rang zwei. Open Doors geht von "Tausenden Christen" unter 32 Millionen Einwohnern des moslemischen Landes aus.
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