DER INSELBOTE
Essentieller Tremor
Probanden gesucht
Ursachenforschung: Dr. Delia Lorenz untersucht die betroffene Kollegin Caroline Poremba. Foto: Henze
Eine Suppe spurlos löffeln, könne sein Patient kaum noch, sagt Professor Henning Stolze. Stolze ist Chefarzt der Neurologischen Klinik der Diakonissenanstalt (Diako) in Flensburg. Beim Mittsechziger Werner B. habe das Zittern der Hände vor vielen Jahren begonnen und sich zusehends verschlimmert. Wenn die Hände in Ruhe sind, blieben sie das zwar. Doch in Bewegung zitterten sie.
Professor Stolze erklärt, dass es sich beim "essentiellen Tremor" um eine angeborene Krankheit handele, die zumeist in höherem Alter auftrete. Unter Stress würden sich die Symptome intensivieren. Ab einer gewissen Intensität des Leidens müsse medikamentös gegengesteuert werden. Dies geschehe in erster Linie mit Beta-Blockern; Mittel der zweiten Wahl sind Anti-Epileptika, die müde machen.
Schließlich gebe es einen dritten Weg, dem Zittern beizukommen, und zwar den operativen Eingriff. Vergleichbar mit dem Prinzip Herzschrittmacher, erläutert Henning Stolze, werde ein Hirnschrittmacher-Aggregat unterhalb des Schlüsselbeins eingesetzt, der mit in das Hirn eingepflanzten Elektroden verbunden ist. Die Komplikationsrate bei dieser Operation liege bei 1 Prozent, ergänzt Dr. Delia Lorenz, Ärztin an der Neurologischen der Universität Kiel, wo die Operation durchgeführt wird. Die Uniklinik Kiel hat eine landesweite Versuchsreihe gestartet, um die genetischen Ursachen des essentiellen Tremors zu finden. Dafür suchen sie auch in Flensburg und Umgebung Probanden jeden Alters. Die Hochschule und die Diako kooperieren. "Es geht darum, die Ursachen der Krankheit noch besser zu erforschen," sagt Lorenz. "Wir können neue Medikamente nur entwickeln, wenn wir die Krankheit noch besser kennen."
Caroline Poremba ist gerade mal 30, Kollegin in der Kieler Neurologie und hat bereits in ihrer Jugend unter einem Zittern ihrer Hände gelitten. Doch erst, als die Medizinerin berufliche Einschränkungen erahnte, suchte sie medizinische Hilfe.
Delia Lorenz beschreibt verschiedene Ausprägungen des Zitterns: "Manche Patienten bekommen es erst in späteren Lebensjahren, einige haben nur ein schwaches Zittern der Hände, andere aber ein starkes Zittern der Hände, Beine und Stimme gleichzeitig." Zwei bis vier Prozent der jüngeren Menschen und vier bis sechs Prozent der Älteren würden unter dem essentiellen Tremor leiden, fügt sie hinzu. Dieser habe aber weder etwas mit der Parkinson-Krankheit noch mit dem Zittern durch Alkoholmissbrauch zu tun. "Der essentielle Tremor ist eine organische Erkrankung", stellt Lorenz klar. Henning Stolze ergänzt, dass sich manche Betroffene zurückzögen - aus Angst, als Alkoholiker angesehen zu werden.
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