DER INSELBOTE
Alkersum
Mathematik trifft Handarbeit
Alkersum. Der Startschuss für das Projekt "The Föhr Reef" des Museums Kunst der Westküste ist gefallen. Ein Vortrag Margaret Wertheims bildete in "Grethjens Gasthof" den Auftakt für ein Länder übergreifendes Häkelprojekt, in dessen Verlauf dänische und deutsche Teilnehmerinnen in den kommenden Monaten ein Korallenriff erschaffen werden.
Die Wissenschaftsjournalistin Margaret Wertheim, Mathematikerin und Autorin erfolgreicher Bücher, ist gebürtige Australierin und hatte 2003 gemeinsam mit Zwillingsschwester Christine, einer Künstlerin, das "Institut For Figuring" (IFF) in Los Angeles gegründet. Angeregt durch das Great Barrier Reef, "das wir auch an andere Orte auf der Welt exportieren wollten", griffen die Schwestern eine Idee der Mathematikerin Daina Taimina auf. Die hatte gehäkelte korallenartige Gebilde entworfen, um den hyperbolischen Raum zu visualisieren. Ein in sich selbst gekrümmter und sich an jedem Punkt weiter ausdehnender Raum, ähnlich einem gewellten Salatblatt. Die hyperbolische Geometrie als Sonderfall der Mathematik, geeignet, die Struktur bestimmter natürlicher Organismen anschaulich und mathematisch verständlich zu machen.
Die Wahl fiel auf Korallen, berichtete Wertheim, nachdem das Abweichen von mathematischen Formeln Häkel-Ergebnisse hervorgebracht hatte, die sehr viel organischer aussahen. Zudem sollte auf die weltweit zunehmend absterbenden Riffe hingewiesen werden. Eine Folge der Übersäuerung der Ozeane, zu der die globale Erwärmung sowie das Überfischungs- und Müllproblem kämen. Mit der Folge, dass die Korallen ausbleichen, wovon bereits ein Drittel aller Bänke betroffen seien. "Ausbleichen als Zeichen von Stress, dem Krankheiten folgen, die schließlich zum Absterben führen."
Im Gegensatz dazu vermehren sich die gehäkelten Kunstwerke rasant. Mehr als 5000 Mitwirkende aus allen sozialen Schichten erschufen bisher in gemeinschaftlicher Handarbeit mehr als 15 Korallenriffe in den USA, in Australien und Europa. In Ausstellungen werden jeweils hunderte von Einzelgebilden präsentiert, die aus den unterschiedlichsten Materialien und ohne klare Vorgaben entstanden sind. Wie jetzt auf Föhr, so Wertheim, "wo das Ganze organisch bleiben und die Besonderheiten der Insel beinhalten soll".
Eine deutsche Premiere, an der die Föhrer Landfrauen beteiligt sind und mit ihnen Handarbeiterinnen von Amrum, vom Festland und aus der dänischen Region Sønderjylland. Im Nachbarland wurden seitens des Museums die dort verbreiteten Strick-Cafés kontaktiert, von denen sich eines in Tondern, vormals Zentrum der Spitzenklöppelei, befindet - angebunden an das dortige Museum.
Seit über einem Jahr wissen die Föhrer Landfrauen von ihrer Teilnahme. Das Häkeln hätten sie nicht noch einmal geübt, beteuert Silke Ketels, gemeinsam mit Maike Christiansen und Keike Braren Vorsitzende der insularen Organisation. "Wer das einmal gemacht hat, der verlernt das nicht." Noch unter dem Eindruck des Vortrags und der gezeigten Exponate stehend, stellte sich allerdings Respekt ein. "Ich bin jetzt hier und denke, das ist vielleicht doch eine Nummer zu groß für uns, toppen können wir das jedenfalls nicht."
Mehr als 20 Veranstaltungen stehen im ersten Halbjahr auf dem Programm - jeweils donnerstags oder sonntags im Museum. Keine Pflichtveranstaltungen und natürlich können die Teilnehmerinnen den Häkelhaken auch in ihrer Freizeit schwingen. Zehn Prozent der rund 400 Föhrer Landfrauen, schätzt deren Vorstandsriege, werden an "The Föhr Reef" teilnehmen.
"Ein unterhaltsamer Vortrag", zeigte sich Museumsdirektor Thorsten Sadowsky von dem Gehörten begeistert, "der die ganze Komplexität der Thematik aufgezeigt hat". Sadowsky war über die Medien auf die Geschwister Wertheim und das Projekt aufmerksam geworden. Als zum Museum und dessen Philosophie passend erkannt, kam schließlich der Kontakt zustande.
Inklusive zahlreicher Medienvertreter füllten an beiden Auftakttagen jeweils mehr als 100 Personen den Saal des Gasthofs. "Mehr Plätze stünden uns nicht zur Verfügung", war auch Museumssprecher Lucas Haberkorn mit der Resonanz mehr als zufrieden. Der betonte, dass Interessierte auch noch während des Projektes einsteigen können, weshalb die Zahl der Teilnehmerinnen nach oben offen ist. Die Gemeinsamkeit stehe im Mittelpunkt, so Haberkorn, das grenzüberschreitende Miteinander und die Vernetzung.
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