DER INSELBOTE

 

Diakonisches Werk

Alarmzeichen: Immer mehr Menschen in Not

16. Februar 2010 | Von Jörg von Berg

Diakonisches Werk mahnt gesellschaftliches Umdenken an.

Nordfriesland. Die Schere zwischen Arm und Reich geht weiter auseinander: Immer mehr Menschen sind auf Unterstützung angewiesen und Hilfsorganisationen stoßen trotz erfolgreicher Arbeit personell und finanziell an ihre Grenzen. Dies erleben die Mitarbeiter des Diakonischen Werks Husum - ein führender Träger der Jugendhilfe und Sozialarbeit in Nordfriesland - beinahe täglich. "Die Decke ist an allen Ecken zu knapp. Das ist bedrängend für alle ", sagt Susanne Baum vom Psychologischen Beratungszentrum für Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Familien. Sorgen bereitet ihr vor allem die Perspektivlosigkeit vieler Jugendlicher.

Auch die anderen Fachbereichsleiter des Diakonischen Werks spüren, dass die Not wächst: In der evangelischen Familienbildungsstätte (FBS) häufen sich die Anträge auf ermäßigte Kursgebühren und es steigt die Zahl der Fälle, in denen Einzugsermächtigungen nicht ausgeführt werden, weil Konten nicht gedeckt sind. Einher gehen bei Betroffenen vielfach Job-Verlust oder Sorgen um den Arbeitsplatz. "Wir erleben große gesellschaftliche Verunsicherungen - auch in der Mittelschicht", so FBS-Leiterin Christiane von Ahlften. Und es gibt Wechselwirkungen: Da immer mehr Menschen in Armut leben, steigen auch die Fallzahlen in der Jugendhilfe, weiß Inken Voss-Carstensen.

"Ohne Perspektive, tickt da eine Zeitbombe"

"Es ist erschreckend, wie viele Menschen sich in einer prekären Situation befinden", sagt Dieter Pelties. Der Leiter der Beratungs- und Behandlungsstelle für Suchtkranke, der Tafeln und verschiedener Arbeitsprojekte: "Wenn wir den Menschen keine Perspektive geben können, tickt da eine Zeitbombe."

"Bis auf die berühmten Ausnahmen wollen auch alle arbeiten", ist seine Erfahrung. Das unterstreicht Diakonie-Geschäftsführer Volker Schümann mit Blick auf die "sehr einseitig" geführte Diskussion in Deutschland: Die Diakonie-Vertreter ärgern sich über Einlassungen des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch, wonach niemand das Leben mit Hartz IV als angenehme Variante ansehen dürfe. Statt Steuergeschenken für Interessengruppen oder höhere Kinderfreibeträge, von denen Besserverdienende etwas haben, fordern sie eine gesellschaftliche Werte-Diskussion. "Es kann nicht sein, dass Menschen reduziert werden auf ihren wirtschaftlichen Nutzen", betont Christiane von Ahlften.

Auch im Sozialen gegensteuern

Angesichts des wachsenden Hilfsbedarfs müssten eigentlich mehr Mittel im System sein. Aber unter dem Druck angespannter Haushalte wird das zur Verfügung stehende Geld tendenziell eher weniger. "Das passt nicht zusammen", sagt Schümann. Vielmehr müsse, wie in der Konjunkturpolitik, auch im Sozialbereich antizyklisch agiert werden. Vor allem geht es nach Auffassung der Diakonie-Mitarbeiter darum, Menschen, die ihren Job verloren haben oder schlicht und einfach nicht in den ersten Arbeitsmarkt integriert werden können, wieder in sinnvolle Beschäftigung zu bringen. "Das kommt gesellschaftlich allemal billiger", ist Dieter Pelties überzeugt. Neben der materiellen Not in einem an sich reichen Land geht es für die Betroffenen auch um gesellschaftliche Teilhabe an Bildung oder auch Freizeitangeboten von Sport- oder anderen Vereinen. Und um angemessene Entlohnung: "Es kann doch nicht sein, dass Menschen 40 Stunden in der Woche arbeiten und dennoch nicht von ihrem Lohn leben können."

Im "Europäischen Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung" wünschen sich die Diakonie-Vertreter denn auch eine umfassende Struktur-Diskussion. Susanne Baum: "Wir wollen hin zu einer solidarischen Gesellschaft, in dem sich der Einzelne nicht Vorwürfe machen muss, aus dem System rausgefallen zu sein."


 

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