DER INSELBOTE

 

Schleswig-Holstein Musik Festival

Zehn Stunden "Sorglos-Paket"

04. September 2010 | 04:50 Uhr | Von psz

Die Musiker von „Kroke“ ließen es sich an Bord schmecken. Foto: psz

Wyk. Nach gut zwei Stunden erklingen die letzen Takte von "Lullaby For Kamila" in der schwimmenden Konzerthalle "Nordfriesland". Die zweite Zugabe am Ende eines begeisternden Konzerts, das - wie berichtet - "Kroke" im Rahmen des diesjährigen Schleswig-Holstein Musik Festivals (SHMF) auf Föhr gab. Doch für das Klezmer-Trio aus Krakau ist der Stress damit noch lange nicht vorbei.

Streng nach Plan bleiben den Musikern nicht einmal 30 Minuten, um samt ihrem Equipement die "Rüm Hart" zu entern und gemeinsam mit den vom Festland angereisten Konzertbesuchern zurück nach Dagebüll zu schippern. Das heißt im Klartext: Schweiß abtupfen, einpacken und los geht's.

Um diese Situation ein wenig zu entspannen, gehört es zu den guten Gewohnheiten des Föhrer SHMF-Beirats, die Künstler auf der Überfahrt zu begleiten. Tische sind reserviert und eingedeckt, es wird ein gemeinsames Essen eingenommen und der Smalltalk erfolgt - je nach Sprachbarrieren - in deutscher, englischer oder französischer Sprache.

Da die Beiratsmitglieder freundlich verhindern, dass die Überfahrt zu einer reinen Autogrammstunde mutiert, wird das angestrebte Klassenziel in der Regel erreicht: Die Künstler fahren sich auf der Überfahrt herunter.

Es ist der letzte Teil eines Sorglos-Paketes, das Friederike Cornelßen, Karin Boetius und Kuno Betzler jedes Mal aufs Neue individuell schnüren; ein Rundumservice, der von den so Umsorgten sehr geschätzt wird. Und "eine angenehme Pflicht", wie Betzler betont, denn "die Akteure sind auf der Rückfahrt lockerer und man kommt sich menschlich näher". Eine kommunikative Ebene, die vor den Konzerten selten erreicht wird, wo eine aufwändige Anfahrt und die Vorbereitung auf den Auftritt für Anspannung sorgen und der Kontakt mit den häufig hochsensiblen Künstlern oftmals über deren Betreuer erfolgt.

Ein gutes Beispiel, so Betzler, sei das "Borodin-Quartett", das vor einigen Jahren auf Föhr spielte. Das russische Ensemble mit leicht gehobenem Altersdurchschnitt kam seinerzeit sehr skeptisch auf die Insel und zeigte sich während des gesamten Aufenthaltes überaus distanziert. Eine Haltung, die sich erst auf der Rückfahrt änderte, nachdem der Beirat intuitiv entschieden hatte, den kühlen Russen ebenso kühlen Wodka in Wassergläsern zu servieren. Alle gängigen Klischees bedienend, erwiesen sich die vier Streicher als ebenso trinkfreudig wie -fest und es entwickelte sich eine "sehr gute Stimmung", so Betzler, an die sich der Beirat sehr gern erinnere.

Derlei Maßnahmen braucht es bei "Kroke" nicht; die Jungs kommen sympathisch und unkompliziert daher, wie bereits zuvor auf der Bühne, lassen sich kulinarisch verwöhnen, erfüllen bereitwillig die Autogrammwünsche einiger Fans und lassen auch den - dem extrem niedrigen Wasserstand geschuldeten - beschwerlichen Ausstieg in Dagebüll gelassen über sich ergehen.

"Auf Grund gelaufen sind wir in den ganzen Jahren erstaunlicherweise noch nie", kann sich Betzler lediglich an eine stürmische Überfahrt erinnern, auf der im Anschluss Scherben gefegt werden mussten. Eine Arbeit, die dem Beirat an diesem Morgen glücklicherweise erspart bleibt, als das Schiff gegen 1 Uhr in Wyk anlegt und rund zehn Stunden Rundumbetreuung ihr Ende finden.


 

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