DER INSELBOTE
Medikamente - Wohltat oder Gesundheitsrisiko?
Wyk. Mit zunehmendem Alter häufen sich Erkrankungen und damit die Medikamenteneinnahme. Doch wie viele Tabletten verträgt der Mensch im Alter und welche Wechsel- oder Nebenwirkungen können auftreten? Ein komplexes, in der Öffentlichkeit eher vernachlässigtes Thema, zu dem Dr. Ludolf Matthiesen, Chefarzt der Geriatrischen Abteilung des Husumer Krankenhauses, auf Einladung des Betreuungsvereins und der Hospiz-Initiative einen Vortrag im Insel-Krankenhaus hielt.
Dass er Medikamente als Segen für die Menschheit empfindet, daraus machte der Internist keinen Hehl. Diese würden viel Leid lindern, gingen allerdings häufig mit Nebenwirkungen einher. Gründe dafür seien das Fehlen altersgerechter, europäischer Studien und einer Positivliste, "die sinnvoller wäre als die viel hofierte Priscus-Liste". Die wurde von deutschen Forschern erstellt und soll der Tatsache Rechnung tragen, dass der alternde Organismus anders auf Medikamente reagiert. 83 Präparate aus 18 Stoffklassen sind enthalten, die bei älteren Menschen vermieden werden sollen, um unerwünschte Nebenwirkungen bei Vielfachmedikationen zu verhindern. Aufgeführt sei also lediglich ein Bruchteil der in Deutschland rund 55 000 zugelassenen Medikamente, verwies Matthiesen auf die fehlende Aussagekraft eines Kataloges, "der in der Praxis nichts bringt, denn wir in der Geriatrie verwenden fast keine der in der Liste enthaltenen Arzneien".
Viele ältere Menschen sind chronisch krank und zudem mehrfach betroffen. Für jedes dieser Krankheitsbilder gibt es Leitlinien, die jede für sich auf guten Studien beruhen. Deren Anwendung führt aber dazu, dass die Patienten mit einer Vielzahl von Tabletten behandelt werden. "Man kann multimorbide Menschen höheren Alters nicht Leitlinien gerecht behandeln", zumal niemand ernsthaft sagen könne, welche Wechselwirkungen ein Medikamenten-Cocktail von fünf Tabletten und mehr mit sich brächte. Zudem funktioniere die Niere eines 80-Jährigen, wenn sie intakt ist, nur noch zu 50 Prozent. Die Wirkstoffe stapeln sich folglich im Körper, da sie nicht ausgeschwemmt werden.
Wenn die Einnahme von Medikamenten aber unumgänglich wird, ist das Entscheidende, so Matthiesen, das Notwendige vom Überflüssigen zu trennen. "Welche Kombinationen sind für welche Menschen gefährlich und gibt es Alternativen?" Drei Grunderkrankungen habe jeder 80-Jährige im Schnitt. Ein Herzleiden oder ein Diabetes bringe in der Regel drei bis vier Tabletten mit sich und der alte Mensch komme statistisch auf gut zehn Tabletten am Tag. "Mehr als 60 Prozent der älteren Menschen schlucken täglich fünf oder mehr Medikamente und 66 Prozent aller Medikamente werden an Menschen über 60 Jahre verordnet."
Vor diesem Hintergrund sei es fatal, dass es keine Studien an älteren Menschen gebe - auch wenn dies logistische Gründe habe, denn Langzeitstudien an über 70-Jährigen ergäben auf Grund der Sterblichkeitsrate falsche Zahlen. Mit der aberwitzigen Folge, dass Medikamente an 30-jährigen, kerngesunden Menschen und nicht an denen getestet werden, für die sie letztlich gedacht sind.
"Jeder Mensch muss seine eigene Medikation hinterfragen und wachsam sein", so des Mediziners Fazit.
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