NORDFRIESLAND TAGEBLATT
Alkohol
Die Sucht als Feind: "Es war die Hölle"
Gruppensitzung der Anonymen Alkoholiker im dänischen Gravenstein gemalt von einem Alkoholkranken. Beachtenswert die Wandmalerei im Hintergrund!
Flensburg. Ein Schnaps nach dem Essen, ein Gläschen Sekt zum Anstoßen, ein Glas Rotwein in gemütlicher Runde. So scheinbar harmlos fing es bei Petra Möller*, 67, aus Flensburg an. Sie heiratet früh, bekommt ein Kind und bricht dafür ihre Ausbildung ab. Petra ist schüchtern und fühlt sich unwohl in größeren Gesellschaften. Oft muss sie ihren Mann zu beruflichen Terminen begleiten - eine Qual. Die Sucht beginnt schleichend: Sie trinkt vor solchen Empfängen einen Piccolo - und alles fällt leichter. Sie trinkt auch während der Veranstaltungen immer häufiger - der Teufelskreis setzt ein! "Rückblickend wird mir klar, dass ich viel zu wenig Selbstvertrauen und -bewusstsein hatte. In unserem Freundeskreis - alles gebildete Menschen - fragte man mich etwa, warum ich denn nur Hausfrau sei. Dabei war ich gern zu Hause. Nur dort fühlte ich mich sicher."
Petra Möller war als Kind eines unter vielen Geschwistern und fühlte sich schon immer als Außenseiter, allein, nicht verstanden, emotional unausgereift. In ihrem Elternhaus wurde kaum Alkohol getrunken. Und ausgerechnet der Alkohol wurde ein ständiger Begleiter der erwachsenen Frau. "Irgendwann fing ich an, jeden Tag und auch heimlich zu trinken. Ich versorgte mich bei Nachbarn mit Cola-Rum und versteckte die Flaschen überall im Haus." Als Alkoholkranke habe sie sich nie gesehen. Sie war verheiratet, bekam zwei Kinder, ihr Mann hatte einen guten Job, dazu ein Haus und ein fester Freundeskreis.
"Alkoholiker sind aber doch ganz unten und haben nichts mehr", dachte sie damals. Ihr ständiger leichter Rausch malte alles in rosaroten Farben. Eine gefährliche Scheinwelt. "Ich weiß heute gar nicht mehr so genau, wie ich das damals alles koordinieren konnte - die Erziehung der Kinder, den Haushalt, meine Ehe...!"
Irgendwann fängt die Fassade an zu bröckeln. Ihr Mann wird von Freunden auf die Trinkgewohnheiten seiner Frau angesprochen. Das Thema "Alkohol" kommt auf den Tisch. Petra Möller kann es nicht fassen und wiegelt ab. Sie gibt Versprechen, die sie wieder bricht, trifft Vereinbarungen, die sie nicht einhält, ekelt sich vor sich selber und ... trinkt weiter! Der Alkohol vernebelt ihre Sinne. Ihr Mann durchsucht das Haus, wirft alle Flaschen weg. Petra Möller versorgt sich heimlich. So geht das eine ganze Zeit lang. "Ich wollte ja aufhören, aber ich konnte es einfach nicht!" Dann der Abend, an dem sich alles ändert. Ihr Mann stellt das Ultimatum und offenbart, dass er und die Kinder sie verlassen und nach Süddeutschland ziehen wollen. Der Schreck fährt tief in ihre Glieder: "Die Familie wollte ich nicht verlieren."
Endlich! Petra Möller "erwacht" und macht einen freiwilligen Entzug in Bredstedt: ein paar Tage Entgiftung, achtwöchige Therapie und dann wieder nach Hause. Sie ist damals 43 Jahre alt und hat nach eigener Einschätzung bis dahin bereits rund zwölf Jahre regelmäßig getrunken. "Der Aufenthalt in Bredstedt war für mich die Hölle. Ich habe alle Erlebnisse von damals in eine Schublade gesteckt und erinnere mich nur schemenhaft", erzählt Petra Möller bedächtig. Die Briefe ihrer damals 14-jährigen Tochter hätten ihr geholfen, es überhaupt durchzustehen.
2010 - Petra Möller ist weg vom Schnaps und trockene Alkoholikerin. "Ich habe keine Probleme damit, wenn in meiner Gesellschaft Menschen ein Glas Wein trinken. Auch mein Mann trinkt ab und an ein Glas Bier", sagt sie - mit einer Einschränkung: "Hat mein Mann Alkohol getrunken, schlafen wir nachts in getrennten Zimmern. Eine Alkoholfahne kann ich nicht ertragen!"
Die lebensfrohe Frau, die hier ihre Lebens-Geschichte erzählt, bezeichnet sich selbst als Glückspilz: "Ich habe mein Leben behalten und meine Familie hat es mit mir durchgestanden." Seit 25 Jahren geht Petra Möller regelmäßig zu den Anonymen Alkoholikern, hat bisher keinen Alkohol mehr angerührt und engagiert sich auch für andere Betroffene. Sie hat begriffen, dass Alkoholismus eine Krankheit ist, die nie geheilt, sondern nur zum Stillstand gebracht werden kann. * <UZ>Name v. d. R. geändert</UZ>
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