TOP-THEMA
Wacken Open Air
Es wird wieder schwarz im Norden
Sie warten, dass endlich alles fertig wird: Thomas Jacobsen, Nicolai Bendsen und Morten Lolck aus Dänemark. Foto: Röhrs
Wacken. Wenn es schwarz wird im Kreis Steinburg, holt Wielfried Schäl aus Vaale seine selbstgemachte Marmelade aus den Regalen, packt seine Trompete ein und fährt ins Nachbardorf Wacken. Tag um Tag reisen dort mehr Heavy Metal-Fans aus der ganzen Welt an. Wie eine Gewitterwolke braut sich die dunkle Masse schon Tage vorher zusammen, bevor sie sich morgen mit ohrenbetäubendem Krach entlädt: Das 20. Wacken Open Air beginnt.
Dann ist Marmeladen-Willi ist in seinem Element. "Das Wacken Open Air ist wunderbar", schwärmt der 89-Jährige. Seit sieben Jahren verkauft er hier seinen Fruchtaufstrich, spielt gegen eine Zigarette auch mal ein Stück auf seiner Trompete und "schnackt gern mit den jungen Leuten". In den vergangenen 20 Jahren sind hier Generationen und Kulturen zusammengewachsen, die auf den ersten Blick nicht zusammenzupassen scheinen.
1990 war das Wacken Open Air noch keine Massenveranstaltung, gerade mal 800 Besucher fanden sich zusammen. Im Laufe der Jahre gelang es den Machern Thomas Jensen und Holger Hübner, aus einer kleinen Motorrad-Party unter freiem Himmel in der norddeutschen Provinz das größte reine Heavy-Metal-Festival der Welt zu machen. Inzwischen präsentieren sie Jahr für Jahr die angesagtesten Heavy-Metal-Bands.
Jeder Einwohner verdient am Open Air mit
Nach anfänglicher Skepsis stehen die meisten Wackener mittlerweile hinter dem Festival. Nur wenige Einwohner nehmen am ersten Augustwochenende noch Reißaus, die meisten wie Marmeladen-Willi sind mit dem Festival verbunden, wie es in dem Preis gekrönten Film "Full Metal Village" der Koreanerin Sung-Hyung Cho (2005) zu sehen ist.
Mittlerweile ist eine ganze Region daran beteiligt, wenn auf den Wiesen der kleinen Gemeinde eine Zeltstadt für über 70.000 Besucher hochgezogen wird. "Vom Sanitäter bis zum Gerüstbauer zählen wir in den Monaten Juli und August rund 2000 Mitarbeiter", sagt Veranstalter Holger Hübner. Seine Firma ICS hat 25 feste Mitarbeiter plus Praktikanten. 100 Taxen sind während des Festivals im Dauereinsatz, 35 Trucks rollen fast ununterbrochen, 30 Kilometer Bauzaun werden aufgebaut, und die Hotels und Pensionen im weiten Umkreis sind ausgebucht. Um bei Zahlen zu bleiben: Laut Hübner generiert durch das Festival - rein statistisch gesehen - jeder der knapp 1900 Einwohner von Wacken fast 3400 Euro Umsatz. Geld, das in der Region bleibt. Das Wacken Open Air unterstützt beispielsweise das örtliche Fußballteam und den Kindergarten.
"In dieser einen ,Partywoche’ ist auf dem landwirtschaftlichen Gelände eine Mittelstadt mit mehreren zig-tausend Menschen zu versorgen. Insofern verbietet sich ein Vergleich mit einer abendlichen Veranstaltung, zu der 120.000 Besucher anreisen, aber dann wieder nach Hause fahren", sagt Polizeisprecher Michael Baudzus. Es ist eine logistische Herausforderung: Über die Jahre wurde die Stromversorgung immer mehr ausgebaut. "Gäbe es keine zusätzliche Stromversorgung, würde Wacken zum Open Air im Dunkeln sitzen", sagt Marten Pauls, Geschäftsführer der Sani GmbH, die außer für Sanitäranlagen auch für die Stromversorgung verantwortlich ist. Seit vier Wochen sind Mitarbeiter damit beschäftigt, 300 Kilometer Kabel zu verlegen, damit für Bühnenshows und Lkw ausreichend Strom zur Verfügung stehen. Der Stromverbrauch des Festivals ist vergleichbar mit dem eines kleinen Dorfes, immer mehr wird über Festnetzstrom gedeckt, das ist umweltfreundlicher als mit Dieselmotoren für Strom zu sorgen.
"Das hier ist purer Rock'n'Roll"
Auch die Abwasserentsorgung wurde auf dem Festival zunehmend verbessert. Ganze Rohrsysteme ziehen sich dort entlang, wo normalerweise Kühe grasen. Sie leiten das verbrauchte Wasser von Duschen und WCs zu großen Säcken. Die 200 000 Liter fassenden Behälter dienen als Zwischenspeicher. Mehrmals täglich rollen Lkw zum Absaugen für den weiteren Abtransport an.
Polizei und Zoll haben schon vor dem Start des Spektakels alle Hände voll zu tun, beispielsweise Drogenkontrollen. Bis jetzt wurden 50 Gramm Haschisch und zwölf Gramm Marihuana sicher gestellt. "Zu Spitzen zeiten sind 165 Beamte im Einsatz", sagt Baudzus.
Das Festival ruft sogar Studenten auf den Plan: In einem Pilotprojekt zum Abfallmanagement nehmen Studenten der Technischen Universität Berlin die Müllentsorgung auf dem Gelände unter die Lupe.
Zwischen all dem Treiben sehen die Fans dem Jubiläums-Festival gelassen entgegen. Sie sitzen am Straßenrand oder verweilen beim Gespräch mit Bier und Brot am Stand von Marmeladen-Willi. Zum zweiten Mal ist eine Gruppe Dänen dabei. Thomas Jacobsen (27), Nicolai Bendsen (26) und Morten Lolck (23) hatten sich eigentlich mit ein paar Deutschen verabredet. "Da hat es wohl mit der Verständigung gehapert", vermutet Thomas Jacobsen. "Beim Biertrinken verstehen wir uns aber alle ohne Probleme." Das Wacken Open Air sei anderes als andere Festivals: "Das hier ist purer Rock ’n’ Roll."
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