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Kapitän der "Cap Anamur"
Lübecker Flüchtlingsretter steht vor Gericht
Die "Cap Anamur": Ein Patrouillenboot sichert das Schiff beim Einlaufen in den Hafen von Porto Empedocle auf Sizilien.
Lübeck. Immer mehr Beobachter sprechen von einem politischen Schau-Prozess. Am 16. Februar ist es wieder soweit, dann ist der nächste Gerichtstermin im sizilianischen Agrigent angesetzt. "Beihilfe zur illegalen Einreise in einem besonders schweren Fall" lautet der Vorwurf gegen Stefan Schmidt. Mit ihm sind sein damaliger Erster Offizier Vladimir Daschkewitsch und der ehemalige Chef der Hilfsorganisation "Cap Anamur", Elias Bierdel, angeklagt. Einmal im Monat ist Prozesstag, 60 Zeugen haben inzwischen ausgesagt; keiner der Vorwürfe hat sich erhärtet. Dafür sind Zeugen der Anklage bisweilen im dünnen Eis ihrer Aussagen eingebrochen. "Aber dies ist kein juristischer, sondern ein politischer Prozess", sagt Stefan Schmidt. "Da weiß man nie, was passiert."
Schmidt, 67 Jahre alt, Dozent für Schiffssicherheit an der Schleswig-Holsteinischen Seemannsschule in Travemünde, ist keiner, der leicht aus der Ruhe zu bringen ist: ein Kapitän wie aus dem Bilderbuch, Ruhepol, Fels in der Brandung. Für 37 Menschen, die sich im Sommer 2004 dem Mittelmeer anvertrauen, weil sie in Europa, ihrem "gelobten Land", auf ein Leben ohne Not und Gewalt hoffen, wird er zum Lebensretter. Die "Cap Anamur" läuft am 29. Februar 2004 zu ihrer ersten Hilfsfahrt aus dem Heimathafen Lübeck mit Hilfsgütern für die afrikanische Westküste und den Irak. "Ich war kein Vereinsmitglied", sagt Schmidt, "ich war einfach nur Kapitän." Zwischen Lampedusa und Malta trifft das Schiff auf 37 teils entkräftete dicht in ein Schlauchboot gedrängte Menschen. Sie haben weder Trinkwasser noch Nahrung. Der Motor qualmt, das Boot droht zu kentern. "Das einzige, was sie hatten, war ein mit Gebeten beschriftetes Blatt Papier", sagt Schmidt. Als Schmidt die Männer an Bord nimmt, rettet er sie vor dem sicheren Tod. Schmidt will die Männer in den nächsten Hafen bringen und wieder auslaufen, "wie es üblich ist". Stattdessen folgen zwei für Besatzung und Passagiere zermürbende Wochen.
Er suchte Hilfe beim deutschen Botschafter - vergebens
Eine zunächst erteilte Einfahrtgenehmigung wird ohne Begründung zurückgezogen, tagelang umkreist Militär das Rettungsschiff. An Bord wird die Lage bedenklich. "Die Nerven lagen blank. Einer der Flüchtlinge wollte sich ins Wasser stürzen", sagt Schmidt, "etliche verweigerten das Essen, einige brachen zusammen." Er sucht Hilfe beim deutschen Botschafter. Vergebens. Schmidt beschließt: "Wenn ich die Erlaubnis zum Einlaufen nicht bekomme, mache ich einen internationalen Notfall aus der Sache." Jetzt darf er einlaufen.
Statt in ein besseres Leben kommen an Land alle Flüchtlinge bis auf einen in Abschiebe-, Bierdel, Daschkewitsch und Schmidt in Untersuchungshaft. Die "Cap Anamur" wird beschlagnahmt. Die Abschiebung empört Schmidt besonders: "37 italienische Städte wollten je einen Flüchtling, Rom sogar alle 37 aufzunehmen." Vergebens. Die damaligen Innenminister Otto Schily und Beppe Pisanu hatten schon vor Einlaufen des Schiffes erklärt, es gelte, einen "gefährlichen Präzedenzfall" zu verhindern.
"Dabei habe ich nur getan, was ein Kapitän machen muss"
Als Schmidt nach einer Woche wieder frei kommt, wird er in Deutschland mit Vorverurteilungen konfrontiert: Er hätte wie Bierdel die Rettung als Medienspektakel missbraucht, hätte sich daran bereichern wollen. Schmidt lässt sich nicht einschüchtern. "Weil wir das alles so seltsam fanden, was in EU-Namen - also in unserem - an Europas Grenzen geschieht", haben er und Bierdel den Verein Borderline-Europe gegründet (www.borderline-europe.de), der sich den ungezählten Flüchtlingen widmet, die allein im Mittelmeer zu Tausenden sterben. So wie Mohammed Yussif: von Schmidt 2004 gerettet, von Italien abgeschobenen, gestorben 2006 bei einem erneuten Fluchtversuch vor Lampedusa.
Schmidt, der vermeintliche "Schlepper", ist mit dem Menschenrechtspreis der Stiftung ProAsyl ausgezeichnet worden. "Dabei habe ich nur getan, was ein Kapitän machen muss", sagt er. "Von Anfang bis Ende." Inzwischen hält er auch Vorträge über die Vorfälle von 2004 und ihre Folgen - in Berlin, Frankfurt/Main und gerade erst wieder in der Seemannsschule. "Auf Wunsch der Schüler", sagt er. Das freut ihn. Dass er ein Mann von höchster Glaubwürdigkeit ist, bezweifelt hier niemand.
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