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Buchtipp

Generation Gruppensex

14. September 2008 | Von Benjamin Lassiwe, Schleswig-Holstein am Sonntag

Sex statt Liebe – immer mehr Kinder haben Geschlechtsverkehr, weil ihnen zuhause die Geborgenheit fehlt

Wenn Kinder nicht mehr lernen, was Liebe ist: Ein neues Buch warnt vor einer "sexuell verwahrlosten" Unterschichtenjugend. Von Beziehungen mit Sex aber ohne Zärtlichkeiten.

Berlin. Eine Mutter schaut zu, wenn ihre zwölfjährige Tochter mit einem viel älteren Jugendlichen im Kinderzimmer Sex hat. Achtjährige gucken mit ihren Eltern Pornovideos. Und eine 16-Jährige hatte schon mit mehr als 30 Jungs Geschlechtsverkehr. Es sind erschreckende Lebensgeschichten, die der Gründer des Kinderhilfswerks "Die Arche" aus dem Berliner Plattenbaubezirk Marzahn-Hellersdorf, Bernd Siggelkow, und der Berliner Journalist Wolfgang Büscher in ihrem Buch "Deutschlands sexuelle Tragödie - wenn Kinder nicht mehr lernen, was Liebe ist" schildern.

Nach Gesprächen mit mehr als 80 Kindern und Jugendlichen, die meist aus sozial schwachen Familien stammen, und oft auch selbst schon Kinder haben, sind die Autoren überzeugt: In der deutschen Unterschicht wächst eine "sexuell verwahrloste" junge Generation heran.

"Ich hatte noch nie Sex. Bin ich normal?"

Während früher die Rede von der freien Liebe war, kämen heute elfjährige Mädchen, die für ein warmes Mittagessen oder zur Hausaufgabenbetreuung die Berliner "Arche" aufsuchten, in das Büro von Siggelkow und fragten: "Ich hatte noch nie Sex. Bin ich normal?" Gleichaltrige Kinder spielen die Stellungen aus dem Sexvideo nach, das den ganzen Tag im Fernseher ihrer Eltern läuft. "Wir beobachten immer häufiger, dass Jugendliche, die eine Beziehung haben, keine Zärtlichkeiten austauschen, einander nicht küssen oder umarmen, aber erzählen, dass sie miteinander Sex haben", sagt Siggelkow. "Sie haben nie gelernt, was Liebe ist."

Im Alltag seien diese Jugendlichen oft hoffnungs- und erfolglos: Selbst der Hauptschulabschluss liege oft in weiter Ferne. Stattdessen definierten sie sich über ihren Körper. "Damit holen sie sich die Selbstbestätigung, die sie in der Schule oder zu Hause nie gefunden haben."

"Erzeuger" statt Vater

Fast alle der 30 im Buch geschilderten Kinderschicksale beginnen mit einer zerrütteten Familie oder einer alleinerziehenden Mutter im Spannungsfeld von Alkohol und Arbeitslosigkeit. Die Beziehungen der Mütter wechseln, statt von Vätern sprechen die Autoren oftmals von "Erzeugern". Vorbilder sind die Eltern wahrlich nicht. Auch aufzuklären scheinen sie ihre Kinder nicht: Ungeschützter Sex ist laut Siggelkow und Büscher der Normalzustand.

Die Beobachtungen, die Siggelkow und Büscher gemacht haben, werden freilich nicht von allen geteilt. Dem Statistischen Bundesamt zufolge gehen die Schwangerschaften von Teenagern in Deutschland insgesamt zurück, und auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung weist darauf hin, dass repräsentativen Umfragen zufolge nur zehn Prozent der Kinder in Deutschland vor ihrem 14. Lebensjahr bereits sexuelle Erfahrungen gemacht haben.

Doch solche Studien beziehen auch Kinder aus intakten Familienverhältnissen ein, die in Einrichtungen wie den "Archen" so gut wie nicht vorhanden sind. "Längst nicht alle Kinder sind so wie die Kinder in dem Buch", betont auch Siggelkow. "Aber wir erleben immer mehr Kinder, die sich so verhalten, weil sie Schutz, Liebe und Geborgenheit nicht mehr von zu Hause mitbekommen."

Seelenleben bleibt auf der Strecke

Verständlich bleibt es jedenfalls, dass Siggelkow und Büscher Konsequenzen fordern: Kinder aus sozial schwachen Familien bräuchten mehr Freizeiteinrichtungen, die sie auf andere Gedanken bringen. Mehr Jugendschutz müsse her, bei Handys, in der Musik und auch im Internet. Der Sexualkundeunterricht an den Schulen müsse verbessert werden, fordert Siggelkow. Vor allem aber müssten Eltern wie Lehrer offen und ehrlich mit den Kindern und Jugendlichen über ihre Sexualität reden.

"Es kann und darf nicht sein, dass Kinder - und auch 16-Jährige sind noch Kinder - vermittelt bekommen, dass der sexuelle Akt alles ist, worauf es im zwischenmenschlichen Bereich ankommt", schreiben die Autoren in ihrem Buch. Spätestens wenn in zehn Jahren "Tausende von Erwachsenen in unserem Land leben, die alle Formen der sexuellen Perversion 'durch haben', deren Seelenleben aber auf der Strecke geblieben ist", werde die Gesellschaft ihr heutiges Nichthandeln bereuen.

Bernd Siggelkow, Wolfgang Büscher: "Deutschlands sexuelle Tragödie - Wenn Kinder nicht mehr lernen, was Liebe ist." Asslar: Gerth Medien 2008. ISBN 978-3-86591-356-3.


 

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