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Studenten-Proteste

Die Retro-Rebellen von Hamburg

15. November 2009 | 18:00 Uhr | Von Alexander Landsberg

Eine Idealistin: Martina Helmke hält das Hamburger Audimax seit Mittwoch mit besetzt. Fotos: Landsberg

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Seit Mittwoch haben Studenten das Audimax der Uni Hamburg besetzt. Einen Plan haben sie nicht, doch ein Ziel: bessere Bildung. Ein Zwischenstand.

Einen kurzen Moment muss sie überlegen. "Nein, wir sind etwas neues", sagt Martina Helmke dann. "Die 68iger waren die 68iger. Wir sind wir." Im Audimax, dem größte Hörsaal der Universität Hamburg, ist es still. "Ein Student wollte ihn nach Rudi Dutschke umbenennen, aber das hätten viele abgelehnt", erzählt die 22-jährige Studentin. "Wir sind ja etwas neues." Gewisse Gemeinsamkeiten will sie aber nicht bestreiten. Katerstimmung am Sonntagnachmittag, die letzte Nacht war wieder lang. Ein DJ hatte aufgelegt. Die ersten krabbeln aus ihren Schlafsäcken, die überall verteilt sind.

Da wo Professoren ihre Vorlesungen geben, stehen leere Bierkästen, daneben Stiegen mit Soja-Milch und daneben liegt eine angeschnittene Gurke. "Verdursten tun wir hier nicht. Für Nachschub ist schon gesorgt", sagt die Studentin der Ethnologie und Erziehungswissenschaften, die von ganz oben, in der drittletzten Reihe auf das Podium blickt. Seit Mittwoch 16 Uhr ist das Gebäude im Zentrum des Uni-Geländes von Studenten besetzt. Transparente hängen im Eingangsbereich, auch dutzende Plakate. "Lasst mich Denken lernen" steht auf einem, "Studierengebühren abschaffen" auf dem anderen. Es hängen so viele Plakate an den Fenstern, dass kaum noch Licht in das Gebäude dringt. Und jeden Tag kommen neue hinzu. Ihre Botschaften sind einfach. Ab und zu kommen Spaziergänger vorbei, bleiben stehen, gucken verdutzt oder neugierig und gehen dann weiter. Mit vielen hat Martina Helmke schon gesprochen. "Es hätte doch alles keinen Sinn, das bringt doch nichts", sagen sie dann zu ihr. So denken viele.

Solidarität mit Studenten in Österreich

In mehr als 50 Universitäten der Republik von München bis hier nach Hamburg halten Studenten seit der letzten Woche Hörsäle besetzt. Es ist eine gewaltige Solidaritätwelle mit ihren Kommilitonen in Österreich, in Wien und in Graz. Dort harren hunderte Besetzer schon seit drei Wochen aus - sind fast am Ende ihrer Kräfte. Gemeinsam wollen sie eine grundlegende Reformierung des Bildungssystems durchsetzten. Nicht zum ersten Mal: Schon im Sommer gingen Studenten und Schüler in der ganzen Republik auf die Straßen und protestierten.

"Seitdem ist gar nichts passiert. Gar nichts", sagt Martina Helmke enttäuscht. auch sie war im Sommer auf die Straße gegangen. Auch sie hatte gehofft, mit ihren Protest tatsächlich etwas zu verändern. Sie ist Idealistin. Was sie sagt, sagt sie mit Überzeugung. Sie kämpft hier für alle, aber natürlich auch für ihre eigene, ganz persönliche Zukunft.

"Wir werden hier durchgepeitscht"

Seit dem Studienstart im vergangenen Jahr blieb ihr keine ruhige Minute mehr. Dutzende Seminare und Vorlesungen füllen die Woche ab. Dann der Nebenjob als Betreuerin in der Grundschule. Sie braucht das Geld, sonst könnte sie nicht studieren. Für die Nachbearbeitung von Vorlesungen bleibt kaum mehr Zeit, von Vorbereitung mag sie gar nicht mehr reden. "Wir werden hier durchgepeitscht", resigniert sie, "nur damit wir nach drei Jahren gebrauchsfertig dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen". Von Lehre sei da keine Spur mehr. Eigentlich hat Martina Helmke Spaß an dem, was sie macht. Doch die Motivation und das Interesse an ihrem Studium sei ihr unter dem Druck fast verloren gegangen. Fast, denn sie ist ja Idealistin. Das hilft über das Schlimmste irgendwie hinweg.

Die Anstrengungen sind ihr bisweilen ins Gesicht geschrieben. Schlaf gab es auch in den letzten Nächten wenig. "Mit wenig auszukommen, habe ich ja schon im Studium gelernt." Wenn sie von den vergangenen Tagen erzählt, dann muss sie mit ihren ermüdeten Augen rollen. "So etwas ist anstrengend", stöhnt die Hamburgerin. Dann sackt ihr Kopf nach unten. Sie muss an das Chaos denken. "Das war ja alles nicht geplant." Zwar wollten einige Studenten am Mittwoch symbolisch auf dem Uni-Gelände ihren Protest und ihre Solidarität mit Studentenbesetzungen in ganz Europa offen zeigen, doch dass sie tatsächlich den zentralen Hörsaal stürmen, kam doch ein Stück weit überraschend. "Aber sicher sind viele mit dieser Hoffnung gekommen", so Helmke. Auch sie sympathisierte mit dieser Idee.

Chaos - eine Besetzung ohne Plan

Der Dozent, der sich an diesem Tag im Audimax gerade der Erziehungswissenschaft widmete, hörte schon von weitem die Trillerpfeifen und die Sprüche, die durch ein Megaphon das ganze Universitätsgelände erfüllten. Er ahnte, was gleich kommen mag. "Jetzt stürmen wir das Ding", riefen einige, erzählt Helmke. Dann strömte die Menge, die sich vor dem Audimax versammelt hatte, tatsächlich in das Gebäude. "Ich weiß auch nicht, wie das alles kam", sagt sie. Es kam über sie wie über den Dozenten - plötzlich und einfach so. Die Vorlesung fiel mit zehn statt 90 Minuten denn auch etwas kürzer aus, mehr als hundert Studenten waren mittlerweile in den Saal gestürmt und wurden mit lächelnden, teils auch fragenden Gesichtern bestaunt. Es hatte diese Aura der Studentenbewegung der 1986iger. Doch sagen mag sie das nicht. "Ich kann es nicht beurteilen, ich weiß nicht, wie es damals war." Nach einem kurzen, klärenden Gespräch räumte der Dozent dann bereitwillig das Feld.

Doch wie es nun weitergehen sollte, das wusste niemand so wirklich. Aus der Freude über ihre Besetzung, wurde schnell Frust. Weder gab es einen Verantwortlichen noch einen Plan.

Hierarchien lehnten die Studenten ebenfalls ab. Sie wollen keinen Chef, der den Protest zentral leitet, erklären die Studenten immer wieder. Der Mikrokosmos Audimax soll das Vorleben, was die Studierenden auch von ihrer Universität fordern - eine demokratische Ordnung. Von nun an folgten lange Versammlungen. Es wurde ein langer Mittwoch, und ein langer Donnerstag, voller Gespräche, Diskussionen, Kritik und dann auch wieder Euphorie. Arbeitsgruppen bildeten sich, eine zum Beispiel für die Finanzen, eine andere für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. "Und ab Freitag lief es denn gut", erzählt Studentin Helmke. So etwas brauche nun mal Zeit.

Solidarität vom Vize-Präsidenten

Und auch der Vize-Präsident der Universität, Prof. Dr. Holger Fischer, ließ sich auf den abgegriffenen Sofas, die mittlerweile überall im Hörsaal standen, nieder und unterhielt sich mit seinen Studenten in ihrem Hörsaal. Ja, er sehe sogar einiges ähnlich, sagt er zu den Uni-Rebellen. Vor allem brauche es mehr Geld für die Bildung. Doch da seien ihm auch die Hände gebunden. Am Ende gab es das Versprechen, den Hörsaal vorerst nicht räumen zu lassen, verbunden mit der Bitte, die Unitage am Montag und Dienstag zu dulden. Tausende Schüler strömen dann auf das Campusgelände und informieren sich über Studium und Berufschancen - auch im Audimax. "Wir dulden die Veranstaltung, aber wir werden sie nach unseren Vorstellungen moderieren", erklärt Helmke. Stände von Versicherungen und anderen Unternehmen im Eingangsbereich sind jedoch tabu. Das hätten sie ihrem Präsidenten gleich klar gemacht.

Viele Forderungen kennt Fischer. Die Abschaffung von Anwesenheitslisten, Zulassungsbeschränkungen und die Reduzierung der Prüfungsdichte, die Abschaffung der Studiengebühren und des Hochschulrates ,dazu eine umfassende Demokratisierung der Bildungseinrichtung. Kaum eine wird ihm aber so oft entgegnet, wie die Abschaffung von Stine.

Wenn dieser Name fällt, dann läuten bei den Studenten die Alarmglocken. In Stine manifestiert sich der ganze Frust vieler Studierenden. Der Frust über das neue Studiensystem, die überfüllten Seminare, die schlechte Ausstattung. Einfach alles. Dieser harmlose Name steht an der Universität Hamburg für eines der größten Reformprojekte. Stine ist ein Netzwerk, in dem jeder Student ein Profil bekommt, ein elektronisches Ich. Mit diesem muss er sich dann zum Beispiel für Veranstaltungen anmelden. Stine ist die zentrale Organisationsplattform und sollte vieles vereinfachen.

Stine - "ein Armutszeugnis für die Uni Hamburg"

Ein Text von Otto Apel ist dort auch zu finden, für die Erstsemester-Studenten der Politikwissenschaft. Sie sollten ihn eigentlich lesen. Sie konnten es aber nicht. Stine spinne einmal wieder, die Texte ließen sich nicht öffnen. Am Dienstagmorgen muss Professorin Dr. Christine Landfried im Hauptsaal des alten Universitätsgebäudes wieder einmal erklären, dass es technische Probleme gab. Sie ist eine Frau, die von ihren Studenten liebevoll als Urgestein der Universität bezeichnet wird. Sie studierte in Harvard und Heidelberg, lehrt seit 1990 im Institut für Politikwissenschaft. Eine streitbare Frau, die nicht lange herum redet. Auch nicht an diesem Morgen: "Das ist ein Armutszeugnis für die Universität Hamburg so etwas einzuführen, was selbst nach drei Jahren noch immer nicht funktioniert", ruft sie an jenem Dienstag den Studierenden zu, die die spontane Emotionalität mit einem Jubel erwidern. "Eine Inkompetenz sondergleichen". Ein Resultat, auch weil es überall an Mitarbeitern fehle, die dann auch - mit Ausnahme der Professoren - schlecht bezahlt seien. Genau eine Minute dauert die Ansprache.

Auch weil sie viele Professoren und Dozenten mit der Kritik an den Zuständen der Uni Hamburg auf ihrer Seite wähnen, fühlen sich die Studenten im Audimax sicher. "Einige unterstützen uns sogar mit Geldspenden", erzählt Helmke. Da gibt es auch schon mal hundert Euro für die notorisch klamme Besetzungskasse.
Gerade kommen wieder ein paar neue Kisten Bier. Von der Soja-Milch ist noch jede Menge da. Langsam füllt sich das Plenum wieder. Heute Abend wird wieder diskutiert, über Studiengebühren und wo sie landen und über die Demokratisierung der Uni. Und dann gibt wieder eine Party, für alle die Lust haben. Das gehöre auch dazu, sagt Martina Helmke. "Man muss die Leute ja bei Laune halten."


 

Leserkommentare

 
POLITIKER 16.11.2009 07:07
Studentenprotest

Die protestierenden Studenten haben in ihrer Kritik völlig recht. Die Studiengänge sind mit Pflichtstunden überfrachtet und damit unstudierbar geworden. Nur wer ist dafür verantwortlich? Da gibt es mehrere! 1. die Hochschulen. 2. die Landesregierungen und 3. die Studenten selbst. Warum die Hochschulen? Nun, die Hochschulen sind von den Landesparlamenten in die "Autonomie", also Selbstverantwortung, entlassen worden. 2. Die Landesregierungen haben die Controlle, insbesondere das Ausgestalten der Studiengänge, abgegeben an sogenannte Akkreditirungsagenturen, die offensichtlich versagen und die Regierungen kein Mittel gefunden haben, diese Gelddruckmaschine der Proffesoren zu stoppen. 3. Die Studenten, denn sie sitzen in den Gremien der jeweiligen Hochschulen mit Sitz und Stimme und könnten massiv dort Einfluss nehmen.
Was ist also zu tun? Die Hochschulen müssen aufgrund ihrer Verantwortung sofort handeln und die Studiengänge von zusätzlichen Pflichtstunden befreien. Aber dieses wissen die Hochschulen seit langem, es scheiterte bislang an der Einstellung der Professoren. Schaffen sie Hochschulen nicht, jetzt dieses Pronlem zu lösen, bleibt. m. E. nur die Lösung, die Akkreditierungsagenturen abzuschaffen, und damit einen Teil des Nebenverdienstes der Professoren, und die Überwachung der Studiengänge wieder direkt der jeweiligen Landesregierung zu unterstellen.



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