FLENSBURGER TAGEBLATT
Schwere Vorwürfe gegen Polizei
Verprügelt und halbnackt schikaniert?
Nicht mit einem blauen Auge davongekommen: Björn H. und Mitbewohner Stefan H. vor ihrem Mietshaus in der Kurzen Straße. Foto: Dommasch
Flensburg. Die Geschichte klingt schier unglaublich. Und die Vorwürfe, die zwei Flensburger gegen die Polizei erheben, sind gravierend. Björn H. (24), Stefan H. (28) und ein weiterer Mitbewohner, nach eigenen Angaben noch nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten, sollen in der Nacht zum Pfingstmontag von sieben Beamten schwer misshandelt worden sein - Schläge habe es gesetzt, bis einer der beiden bewusstlos geworden sei.
Gewiss, es war mächtig laut in dieser Nacht. Musik bis zum Anschlag, ruhestörender Lärm. Dann, als Licht und Ton bereits ausgestellt worden seien, plötzlich Gepolter im Treppenhaus. Stefan H. sieht auf einem im Flur angebrachten Bildschirm einen Trupp die Treppen hoch stürmen, bekommt es mit der Angst zu tun. Er verriegelt die Tür. Doch die wird Sekunden später mit einem Brecheisen aufgestemmt. "Dann flogen auch schon die Fäuste", erinnert sich Stefan, der gerade noch sieben Beamte mit Helm und heruntergeklapptem Visier ausmachen kann. Er setzt sich auf den Boden, hebt die Hände nach oben. Doch der Schlagstock trifft, immer wieder, auch Pfefferspray.
Nackt und blutüberströmt
Björn, Schüler an der Käte-Lassen-Schule, steht unter Schock. "Ich hatte wahnsinnige Angst, habe mich in meinem Zimmer eingeschlossen." Drei bis vier Minuten hätten die Beamten auf ihn eingeprügelt. "Irgendwann wurde ich ohnmächtig."
Erst auf der Wache kommt er zu sich. Als sein Freund ihn erblickt, durchfährt ihn ein riesiger Schreck. "Björns Oberkörper war nackt, er blutüberströmt." Ihn selbst habe man in Handschellen die Treppe hinunter gestoßen, als er fiel, an ihnen wieder hochgezogen; den dritten Bewohner in Unterhose auf die Straße getrieben.
Zugriff "zur Verhinderung weiterer Straftaten"?
Die Version der Polizei unterscheidet sich elementar von der Darstellung der mutmaßlichen Opfer. "Wir können die Vorwürfe nicht bestätigen", sagt Sprecherin Marina Bräuer. Bei dem ersten Einsatz um 0.24 Uhr, hervorgerufen durch Beschwerden von Anwohnern, sei die Tür trotz Aufforderung nicht geöffnet worden. Die Bewohner seien aber darauf hingewiesen worden, dass man sie in Gewahrsam nehmen werde, sollte der Lärm andauern. Eine Stunde später rückten die Beamten erneut an. Bräuer: "Eine Kontaktaufnahme war nicht möglich". Daraufhin seien die Polizisten in die Wohnung eingedrungen, die drei anwesenden Personen hätten Widerstand geleistet. "Dieser wurde mit einfacher körperlicher Gewalt gebrochen", beschreibt die Sprecherin das Vorgehen.
Der Zugriff habe "zur Verhinderung weiterer Straftaten" erfolgen müssen. Auch auf der Wache sei "keine unnötige Gewalt" angewendet worden. "Eine Person wurde nach dem Verhör wieder entlassen, die beiden anderen mussten die Nacht in einer Zelle verbringen." Einer sei alkoholisiert gewesen: 1,2 Promille. Man hat, versichert sie, den Männern angeboten, juristischen Beistand zu rufen.
"Ich habe mich nicht mehr als Mensch gefühlt"
Was aber geschah genau auf der Wache? Björn H. fühlte sich "halbnackt schikaniert und persönlich gedemütigt". Er widerspricht: Ein Anwalt sei ihnen verwehrt worden.
Stefan erzählt mit grimmiger Miene, wie er in seiner Zelle mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen worden sei. Die Platzwunde lässt er sich später ärztlich attestieren. "Was", fragt er, "haben wir bloß verbrochen?"
Dennoch hat es den Werftarbeiter nicht so hart getroffen wie seinen Freund. Die Notaufnahme der Diako listet auf: Gehirnerschütterung, Prellungen, Platzwunden, Schwellungen am ganzen Körper, Jochbeinprellung, anhaltende Taubheitsgefühle in zwei Fingern. Er ist bis Ende der Woche krank geschrieben.
Gegen sechs Uhr morgens seien sie aus ihren Zellen entlassen worden. Björn mit den Worten: "Verpiss dich" - garniert mit einer Extra-Portion Pfefferspray. Er sagt: "Ich habe mich nicht mehr als Mensch gefühlt."
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