"Hell's Angels" gegen Neonazis
Prozess vertagt
Zum Prozessauftakt vor dem Kieler Landgericht am Montag verweigerte der 35 Jahre alte mutmaßliche Neonazi jede Aussage zu der Tat. Die Staatsanwaltschaft ließ aber keine Zweifel an dem gewalttätigen Vorgehen des "führenden Mitglieds der rechten Szene in Norddeutschland". Für zusätzliche Brisanz des Prozesses sorgte eine Schießerei am Donnerstagabend in Kaltenkirchen (Kreis Segeberg), bei der ein Zeuge angeschossen wurde.
Bei der Messerattacke im Eingangsbereich des Kieler Amtsgerichts habe der Angeklagte extra Verstärkung mit gebracht, sagte Staatsanwältin Silke Füssinger. Dort sollte sich ein Gesinnungsgenosse wegen einer früheren Messerattacke gegen den "Hells Angel" verantworten, der als Zeuge geladen war. Der mutmaßliche Neonazi habe seine Männer angewiesen, sich mit Sonnenbrille, Basecaps und schwarzer Kleidung zu tarnen und "den Zusammenstoß provoziert". Ihm "war bewusst, dass die Stiche geeignet waren, das Leben der Opfer zu gefährden." Die Anklage lautet auf gefährliche Körperverletzung.
Journalisten und Zuhörer mussten sich Leibevisitationen unterziehen
Keine offizielle Bestätigung gab es am Rande des Verfahrens dafür, dass zwischen beiden Lagern ein Bandenkrieg um die Vorherrschaft im Rotlichtmilieu geführt wird und dass die Schüsse auf den Zeugen möglicherweise ein Racheakt waren. "Wir ermitteln in alle Richtungen", hieß es lediglich. Um neue Gewalttätigkeiten zu verhindern, war das Landgericht durch Sondereinsatzkommandos von Polizei und Justiz gesichert. Die Beamten trugen schusssichere Westen. Vor dem Gebäude patrouillierten auch Polizisten mit Hunden. Innen waren alle Zugänge zum Verhandlungssaal von Polizeiketten abgeriegelt. Knapp 25 zugelassene Journalisten und Zuhörer mussten sich Leibesvisitationen und Taschenkontrollen unterziehen. Im Zuschauersaal hatten sich auch 17 uniformierte Polizisten postiert. Im August 2008 hatten sich vor dem Amtsgericht beide verfeindeten Seiten auch eine Massenschlägerei geliefert. Rund 20 Menschen waren dabei verhaftet worden.
Der Rechtsanwalt des Opfers sagte in einer Verhandlungspause, er rechne mit einer Verurteilung. Der Angeklagte habe vor dem Haftrichter die Tat gestanden. Außerdem werde er von einem Gesinnungsgenossen belastet. Der Strafverteidiger rügte, dass wegen des Vorfalls vor dem Amtsgericht gegen "Hells Angels", darunter auch das Opfer, noch wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt werde. Die Verfahren gegen die Rechten seien aber eingestellt worden.
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