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Kieler Rektorat will Hörsaal räumen lassen
Die Universität will Anzeige wegen Hausfriedensbruchs und Nötigung stellen, droht den Besetzern mit Exmatrikulation. Foto: Ruff
Im Zuge der bundesweiten Proteste gegen miserable Studienbedingungen halten rund 80 Studenten der Kieler Christian-Albrechts-Universität (CAU) seit nunmehr zehn Tagen ein Hörsaalgebäude auf dem Campus besetzt. Dort, wo sonst Seminare und Vorlesungen stattfinden, wird jetzt diskutiert - basisdemokratisch, jeder kommt zu Wort. Die Ergebnisfindung ist deshalb zäh und langwierig, ein erster Forderungskatalog ist nach zehn Tagen "noch in Arbeit". Mit den Rebellen der 70-er Jahre haben die Besetzer wenig gemein. Wenn sie nicht gerade über Bildungs(un)gerechtigkeit, über zunehmenden Einfluss der Wirtschaft auf Studieninhalte oder den Leistungsdruck in völlig verschulten Studiengängen debattieren, gehen sie zwischendurch brav in ihre Vorlesungen und Seminare und sammeln Bachelor-Punkte. Besetzt wird das Gebäude rund um die Uhr. Nachts campieren die Widerständler in Schlafsäcken. Es gibt Kaffeemaschinen, in zwei großen Wannen wird Geschirr gespült. Kisten mit Kohlköpfen und Äpfeln zeugen von der Solidarität mit den Besetzern "Es geht hier zu wie in einer großen WG", schwärmt eine Studenten.
Doch nun ist Schluss mit lustig. Bisher hat die Spitze der CAU dem Treiben in dem alten Hörsaalgebäude an der Ecke Westring/Olshausenstraße nur zugesehen - wenn auch kritisch. Seit Freitag hängt die unmissverständliche schriftliche Aufforderung des Präsidiums am Eingang, das Gebäude zu räumen - und zwar unverzüglich. Ansonsten werde Anzeige wegen Hausfriedensbruchs und Nötigung erstattet. Sogar mit der Exmatrikulation wird gedroht. Doch davon lassen sich der 20-jährige Germanistikstudent Malte und seine Mitstreiter nicht beeindrucken. "Wir bleiben hier", erklärt er. Auch das Angebot des Präsidiums, die Diskussionsrunden in einem leer stehenden Fahrradladen auf dem Unigelände weiterzuführen und abends zu den Plenumssitzungen jeweils in einen freien Hörsaal umzuziehen, lehnen die Besetzer ab.
Trotz Drohung: Studenten wollen bleiben
"Wir sind enttäuscht", erklärt Ariane. Trotz der anfangs vom Präsidium versprochenen großen Kooperationsbereitschaft, "soll der demokratische Meinungsbildungsprozess über eine Bildungsreform jetzt durch die Polizei unterbunden werden". Das zumindest habe das Präsidium für Montag angekündigt, berichtet die 23-jährige Biologiestudentin. Der Rückhalt bei den Kommilitonen sei weiterhin groß. Es gab Besuch von einer Sympathisanten-Delegation der Fachhochschule - mit Durchhalteparolen. Zwischen 50 und 250 Studenten nehmen an den täglichen Plenumssitzungen teil. Einige übernehmen Putzdienste, andere sorgen im "Arbeitskreis Essen" für das leibliche Wohl. "Das ziehen wir hier solange durch, bis sich an den Unis etwas ändert", erklärt Malte.
Darin seien sie sich auch einig mit den Besetzern in 63 anderen deutschen Hochschulen, mit denen sie per Twitter und SMS in ständigem Kontakt stehen. Der Kieler AStA, die offizielle Studentenvertretung, ist zwar nicht an der Besetzung beteiligt, übte aber in den vergangenen Tagen laut Kritik an knappen Hörsaalkapazitäten, übervollen Studienplänen und schlechter Betreuung.
Leserkommentare
Ja, genauso sehe ich das auch!! Eigentlich sitzen doch alle im selben Boot und wir sollten alle versuchen, möglichst kompromissbereit zu handeln und dem jeweils anderen keine Steine in den Weg zu legen... Schade, dass das in diesem Fall wohl geschehen soll...
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Ich hoffe, dass sich doch noch eine Einigung finden lässt. Das Präsidium und die Protestierenden sollten beide noch mehr Kompromissbereitschaft und Verständnis füreinander zeigen, denn sie sind beide gleichermaßen kaum mehr als Spielfiguren der verfehlten Bildungspolitik. Die Bildungsmisere ist nicht auf die Uni Kiel beschränkt, sondern viel größer. Selbst wenn es an jeder einzelnen Uni oder Schule auch spezielle konkrete Misstände gibt, so sollten doch alle an einem Strang ziehen, um die prekäre Gesamtlage zu verbessern.
Vielen Dank für den Artikel.