PANORAMA
Falsche Flirts
Per SMS in die Abzock-Falle
Flensburg / Kiel. Sie schufen ein gigantisches Netzwerk mit nur einem Ziel: Abzocken! Die Flensburger Firma "MintNet" und das Kieler Unternehmen "Mobile Solutions" sollen Kunden mit betrügerischen SMS-Flirtchats über teure Premium-Nummern das Geld aus der Tasche gezogen haben. Jetzt hat die Kieler Staatsanwaltschaft die Ermittlungen auf ganz Deutschland ausgeweitet. Es geht um 100 Tatverdächtige, mehr als 100.000 Geschädigte und einen geschätzten Schaden von 20 Millionen Euro.
Im vergangenen Dezember hatten Polizisten nach Hinweisen von Insidern die Firmen "MintNet" und "Mobile Solutions" durchsucht. Der Verdacht: gewerbsmäßiger Betrug. Die miesen Tricks der Abzocker: Auf Internetseiten sollen sie Singles seriöse SMS-Kontakte in Aussicht gestellt haben. Die vermeintlichen Flirtpartner waren jedoch lediglich Animateure mit erdachten Profilen, darauf spezialisiert, die Plaudereien durch Fragen oder die Aussicht auf ein Treffen in die Länge zu ziehen. Jede SMS über die Kurzwahlnummern wurde mit 1,99 Euro berechnet. Eine Pseudoflirterin: "Vereinbarte Dates wurden grundsätzlich einen Tag vorher abgesagt."
"In einem Firmenportrait warb 'MintNet' stolz für seine betrügerische Idee"
Außerdem sollen Anzeigen geschaltet worden sein, in denen Autos zu Schleuderpreisen angeboten wurden. Im Inserat wurde als Kontakt eine Handynummer genannt. Wer dort anrief, erreichte eine Mailbox und wurde gebeten, eine 0137-Rufnummer zu wählen. Diese wurde dann mit einem Euro pro Anruf abgerechnet. In einem Firmenportrait warb "MintNet" stolz für seine betrügerische Idee und seine Software: "Die Abrechnung erfolgt wie in diesem Geschäftsfeld üblich über die Mobilfunkrechnung des Endkunden und ist vollkommen frei von Ausfallrisiken, da die Mobilfunkunternehmen die Inkassotätigkeit übernehmen. Der SMS-Chat ist eine hervorragende Plattform, um schnell und mit geringem Personalaufwand sichere Umsätze zu generieren."
Was augenscheinlich gelungen ist: Bei der Durchsuchung wurden Tausende von Chat-Protokollen beschlagnahmt, die auf 100.000 Geschädigte und eine Schadenshöhe von 20 Millionen Euro schließen lassen. Oberstaatsanwalt Uwe Wick: "Aufgrund der sichergestellten Daten wurden außerdem die Geschäftsräume von weiteren Internetdienstleistern in München durchsucht. Auch hier wurden umfangreiche Datenmengen sichergestellt. Es geht jetzt um 100 Tatverdächtige."
In den Firmenräumen ist niemand mehr zu erreichen
Um den Betrügern das Handwerk zu legen, hat die Bezirkskriminalinspektion Kiel eine Ermittlungsgruppe mit zehn Beamten unter dem Namen "SMS-Chat" eingerichtet. Das Problem: Die Betreiber der betrügerischen Chats gründen immer wieder neue Firmen mit Strohmännern an der Spitze. In einem Fall war es sogar der Hausmeister. Da sie über ausreichend Kapital verfügen, haben sie außerdem eine Phalanx von Top-Anwälten in Stellung gebracht.
Die "MintNet GmbH" hat am 5. Januar beim Amtsgericht Flensburg Insolvenz angemeldet. In den Firmenräumen ist niemand mehr zu erreichen. Geschäftsführer Norman W. sitzt in Untersuchungshaft, ebenso wie die "MintNet"-Gesellschafter Heiko A. und Dirk von W., ein versierter Karatekämpfer. Zwei weitere Betreiber von SMS-Partnervermittlungen wurden bereits bei der Razzia im Dezember verhaftet.
Lust auf mehr? Ihre sh:z Tageszeitung jetzt
2 Wochen kostenlos testen.
Beilagen der Woche
Aus dem Polizeibericht
Zuletzt kommentiert
- Anke Spoorendonk als Kulturministerin? (4)
- KOMMENTAR: Weit hinter den großen Versprechen (12)
- Journalist nennt mögliche Hintermänner (2)
- Schwimmbad-Förderung solange sich die Mühlen drehen (4)
- Ex-Chef von Autohaus legt Geständnis ab (2)






