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Landgericht Kiel

Hinterhältige Chat-Tipps für Abzocke mit Flirt-SMS

20. Oktober 2009 | 14:57 Uhr | Von lno

Schwere Vorwürfe gegen die Betreiber eines SMS-Flirt-Chats vor den Kieler Landgericht. Die Firmenchefs sollen 700.000 Kunden betrogen haben.

Die am Landgericht Kiel angeklagten Betreiber von Flirt-SMS-Chats haben nach Angaben einer Zeugin mit umfangreichen Maßnahmen ihre Geschäfte verschleiert. Sie hätten eine Vielzahl von Briefkastenfirmen in Norddeutschland und England betrieben, über die die Chats im Franchise-Verfahren gelaufen seien, sagte die frühere Mitarbeiterin der Hauptangeklagten am Dienstag vor dem Kieler Landgericht. In dem Prozess um eine millionenfache Abzocke mit Flirt- SMS müssen sich drei Betreiber von Call-Centern und deren drei Gehilfen wegen gewerbsmäßigem Bandenbetrug und Beihilfe dazu verantworten. Sie sollen über SMS-Chats rund 700.000 Handy-Nutzer um gut 46 Millionen Euro geschädigt haben.

Die von ihr bearbeiteten täglichen "Berge von Post" hätten sie und andere Mitarbeiter nicht auf Firmencomputern speichern dürfen, sondern auf USB-Sticks, die sie mit nach Hause nehmen mussten, sagte die 50-jährige Zeugin aus. "Es bestand die Anweisung, dass nichts im Betrieb verbleiben durfte, weil es schon mal eine Razzia gegeben hatte." Im Dezember 2006 wurden in Flensburg frühere Firmen der Angeklagten mit dem Vorwurf Schwarzarbeit, Betrug und Steuerhinterziehung durchsucht, hieß es am Dienstag vor Gericht.    

Dubiose Limiteds in England

"Es wurden nach und nach Limiteds in England gegründet, die Nummern nach Deutschland weitergeleitet und hier im Franchise-Verfahren weiter betrieben", sagte die Zeugin. Sie habe am Anfang nicht gewusst, worum es ging. Die 50-Jährige arbeitete im August 2008 einen Monat als Sekretärin der Geschäftsführung der SMS-Chats in Flensburg. "Dann habe ich auch durch Kundenbeschwerden bemerkt, dass da was nicht seriös war", sagte die Frau in ihrer fast dreistündigen Vernehmung.

Sie habe schließlich im Internet herausgefunden, dass vor den Firmen und deren Abzocke gewarnt wurde. "Da wusste ich es genau." Nach ihren Worten beschwerten sich über die Hotline ständig Kunden über hohe Rechnungen.

Am Nachmittag hat das Gericht aus einem Handbuch Anweisungen an professionelle Mitarbeiter der Flirt-SMS- Chats gelesen.

Tricks für den Flirt-Betrug

"Der Umgang mit SMS-Kunden" so der Titel des Handbuches, habe nur einen Zweck: "Die Kunden so oft und solange wie möglich zum Antworten zu bewegen" - pro Premium-SMS an Kurzwahlnummern wurden 1,99 Euro fällig. Arbeitsanweisungen dazu lauten: "Verständnis- und liebevoll sein, loben, aber nicht übertreiben." Je "realistischer und glaubwürdiger wir bei Kunden rüberkommen, desto länger können wir schreiben."

Dass die Gefühle von Kunden perfide ausgenutzt werden, zeigen auch Sätze wie: Kunden hätten diesen Weg gewählt, weil sie einsam seien, Kontaktschwierigkeiten hätten, aus Frust und Langeweile. "Welcher normal intelligente Mensch würde sonst hunderte oder tausende Euro ausgeben?"

Kunden, die die persönliche Handy-Nummer ihres Gegenübers wollten, um Kosten zu sparen, wurden vertröstet. Damit der Schwindel nicht aufflog, wurden die Chats protokolliert, um bei Schicht- und Mitarbeiterwechsel das geköderte Opfer "bei der Stange zu halten". Laut Anweisung sollen alle Daten über den Kunden gesammelt werden - Name, Alter, Beruf, Aussehen, Wohnort und was für einen Partner er/sie sucht - um den Chat darauf abzustimmen. Wollte der Kunde ein persönliches Treffen, so wurde er hingehalten und das Treffen immer im letzten Moment mit Ausflüchten abgesagt. Das Verfahren soll am Donnerstag fortgesetzt werden.


 

Leserkommentare

 
HARRISLEER 21.10.2009 14:24
SMS - Abzocke

Bei diesen Möglichkeiten ist die Wahrscheinlichkeit für Mißbrauch ja gerade zu herausgefordert. Rechnungen, die durch Telefonate und SMS entstehen, oder noch dreister, dass Daten wie e-mail - Adresse und Name genutzt werden, um Rechnungen zu schreiben für etwas, was nicht in Auftrag gegeben wurde. Wenn man sich gegen das folgende Inkasso zur Wehr setzt, hat zumindest die Post eine Einnahme für das dafür sicherlich notwendige Einschreiben. Gut wäre, wenn man der betreibenden Firma diese Kosten als Geschädigter inclusive der für die Bearbeitung erforderliche Zeit in Rechnung stellen könnte. Es könnte zumindest eine Eindämmung dieser Machenschaften zur Folge haben.



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