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Kultur

02. August 2014 | 00:29 Uhr

"Ihr müsst euch keine Sorgen um mich machen"

vom

(Leischow)

HAMBURG | "Ihr müsst euch wirklich keine Sorgen um mich machen", versichert Marianne Faithfull. Natürlich hat sie die besorgten Blicke der Fans in den ersten Reihen registriert. Mit ein paar Wehwehchen versucht sich die Britin herauszureden. Doch man wird bei ihrem Auftritt in der Hamburger Fabrik das Gefühl nicht los: Hinter ihre Schwäche steckt mehr als eine Erkältung und ein geschwollener Fuß.

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Die Britin sieht aufgeschwemmt aus - wie jemand, der regelmäßig Kortison nehmen muss. Nach wenigen Minuten bittet sie darum, das Scheinwerferlicht zu dimmen. Sie erträgt die Hitze nicht. "Ich werde ohnmächtig, wenn jetzt nichts passiert", warnt sie. Da ist es für die Besucher beinahe eine Erleichterung, dass sie auf einem Stuhl Platz nimmt und die meisten Lieder im Sitzen interpretiert. Sie greift zu ihrer Brille, um die Texte einiger älterer Nummern abzulesen. "Ich kann nicht mehr alles auswendig", gesteht sie mit einem entwaffneten Lächeln.

Macht nichts. Ihre Fans bewundern sie trotzdem. Fast ehrfürchtig hören sie der Sängerin mit der vom übermäßigen Alkohol-, Drogen- und Zigarettenkonsum brüchig gewordenen Stimme zu, wenn sie "The Ballad Of Lucy Jordan" stimmungsvoll intoniert. Bevor sie sich Leonhard Cohens "Tower Of Song" widmet, behauptet sie keck: "Bei meiner Version ist das Arrangement besser."

Sie ist eben ganz Diva: eine Frau, die nie ihre Würde verliert, aber durchaus selbstironisch ist. "B.B. King musste ja erst mit 81 Konzerte im Sitzen geben", witzelt sie. "Bei mir geht das schon mit 65 los." Ihr britischer Humor ist ebenso mitreißend wie "Horses And High Heels", der Titelsongs ihres aktuellen Albums. Sie hat keine Scheu, sich eine Zigarette anzuzünden. Obwohl in der Fabrik eigentlich absolutes Rauchverbot herrscht.

Ein bisschen Rebellion steckt vielleicht noch immer in der Frau, die einst die Ikone der Swingin Sixties war. Das hübsche blonde Mädchen aus gutem Hause wurde Mick Jaggers Geliebte. Der Rolling-Stones-Frontmann schrieb mit Keith Richard für die damals 17-Jährige "As Tears Go By". Es war das Lied, mit dem sie ihren ersten Hit hatte. Deswegen moderiert sie es in Hamburg einfach mit den Worten "Jetzt kommt das Stück, mit dem alles losging" an. Für Nostalgiker sicher eine Sternstunde. Auch wenn Marianne Faithfull längst nicht mehr das niedliche Ding ist.

Auf der Bühne thront jetzt eine gestandene Frau - ihr Film "Irina Palm" brachte ihr enormes Kritikerlob ein, sie entdeckte Brecht-Weill-Kompositionen für sich und mit ihrer Platte "Broken English" etablierte sie sich Ende der 70er Jahre als das, was sie immer sein wollte: eine ernsthafte Künstlerin.

Natürlich stehen auch einige Lieder ihres Meisterwerks auf dem Programm. Der Titelsong "Broken English" zum Beispiel; und das rockige "Why DYa Do It", bei denen die großartige Band ein richtiges Inferno entfachen darf. Bis nach 75 Minuten alles vorbei ist. Marianne Faithfull geht mit unsicheren Schritten in den Backstage-Bereich, während sich ihre Musiker noch verausgaben. Sie kommt trotz des großen Beifalls nicht wieder. Die Show endet ohne Zugabe.

von Dagmar Leischow
erstellt am 18.Jul.2012 | 03:59 Uhr

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