KULTUR

 

Verloren in Kälte und Finsternis

01. September 2010 | Von Stephan Opitz

Carsten Jensen Foto: Isak Hoffmeyer

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Kiel. Auf der Insel Ärö, in Marstal, sechs Stunden mit dem Segelboot von Kiel entfernt, wurde er am 31. August 1841 geboren: Jens Erik Carl Rasmussen, der Sohn eines bitterarmen Schneiders. Er wurde 52 Jahre alt und er starb unter bis heute noch nicht geklärten Umständen auf der Rückreise mit der Brigg "Peru" von Grönland. Ob er bei Sturm über die Bordwand geweht wurde oder selbst über sie stieg - niemand weiß es.

Diese Todesreise war seine zweite Fahrt an den Rand des eisigen Nordpols - bei seiner ersten war er knappe 20 Jahre alt und die Reise legte den Grund für seinen Ruhm. Doch diesen frühen Ruhm, der ihn ökonomisch und gesellschaftlich trug bis weit über seinen Tod hinaus, konnte er nicht übertreffen - nie vorher hatte ein Maler damals die Welt aus Licht, Kälte und Dunkelheit gesehen und der alte Maler sah wohl nichts neues mehr, als er mit gut 50 Jahren ein zweites Mal nach Grönland fuhr, um zu malen. Dazwischen lag ein Leben, das die abenteuerlichen Zufälle und Glücksschickungen für Höchstbegabte aus kleinsten Verhältnissen im ersten bürgerlichen Jahrhundert, dem 19. Jahrhundert, widerspiegelt - sein Zeichentalent wurde eher zufällig von einem etwas reicheren Menschen noch auf der Insel Ärö entdeckt, als Konfirmand kam Rasmussen nach Kopenhagen, machte eine Kaufmannslehre in einem Strumpfgeschäft, sah sich an Bildern nimmersatt und wurde von den Architekten Hans J. Holm und C. V. Nielsen unter die Fittiche genommen. Die steckten ihn als Schiffsjungen mit der Erlaubnis, zu malen, auf ein Handelsschiff nach Schottland. Auf dieser Reise entstanden seine ersten Seestücke und die gaben Grundlage für seine Aufnahme in die dänische Kunstakademie 1862-1866. Dort entdeckte der Landschaftsmaler Carl F. Aagaard endgültig sein Talent und nahm ihn zwei weitere Winter vor der ersten Grönlandreise als Schüler auf. Rasmussens Bilder sind im Marstal Søfartsmuseum ebenso zu bestaunen wie in Schloß Christiansborg in Kopenhagen oder im Svendborg-Museum.

Der große dänische Autor Carsten Jensen (Jahrgang 1952 und ebenfalls aufgewachsen in Marstal) debütierte im deutschsprachigen Raum 2008 mit der Familiensaga "Wir Ertrunkenen", die allein wegen des rasanten Anfangs mit der Seeschlacht vor Eckernförde zu einer lustvollen Pflichtlektüre für Schleswig-Holsteiner werden könnte.

Rasmussens letzte Reise, gerade eben erschienen, ist ein klassischer Protagonisten-Roman mit kompositorisch klug verwendeten, genau recherchierten bio graphischen Details, deren Fülle den Romanbogen jedoch nie überspannen. Das hat die schöne Folge, dass wir Leser - wie es sich auch gehört - vom Autor richtig an die Hand genommen werden und mit dem kleinen Rasmussen die eintönigen Suppen im ärmlichen Schneiderhaushalt auf Ärö löffeln, die kratzigen, vom Vater für die Reise nach Kopenhagen geschneiderten Hosen an den eigenen Beinen spüren und der alten Frage danach, was ein Bild zu sein hat oder sein kann und was ein Abbild ist, mit der Malerwerdung des jungen Rasmussens ausgiebig nachhängen können.

Jensen gelingt elegant und hochartistisch der Spagat zwischen den Spekulationen um den ungeklärten Tod (und natürlich glauben wir Leser an den grönländischen Zauberer, der an Bord kam, um Rasmussen zu töten - und natürlich glauben wir das wieder nicht, weil der Autor uns mit schillernden Vermutungen bei der Stange hält) und den psychologisch klugen Schilderung eines Künstlerlebens, das offenbar an der Selbstakzeptanz der eigenen Künstlerpersönlichkeit mit ihrer Höchstbegabung scheiterte.

Carsten Jensen: Rasmussens letzte Reise.

Aus dem Dänischen übersetzt von Ulrich Sonnenberg.

Knaus Verlag, München 2010, 19,95 Euro, ISBN: 978-3-8135-0331-9

Lesungen: Übersetzer Ulrich Sonnenberg liest am 26.10 um 20 Uhr in der Universitätsbuchhandlung Weiland, Holtenauer Str. 116, Kiel; und am 28.10 um 20 Uhr bei Bücher Rüffer, Holm 19-21, Flensburg.


 

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