KULTUR
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Festival-Ende mit Abschiedsschmerz
Kiel / Lübeck. "Die liebe Erde allüberall blüht auf im Lenz und grünt aufs neu! Allüberall und ewig blauen licht die Fernen! Ewig... ewig..." Da war’s. Mit Gustav Mahlers "Lied von der Erde" ist gestern im Kieler Schloss das Schleswig-Holstein Musik Festival 2010 zu Ende gegangen: Ein anrührendes und grandioses Finale gleichermaßen, auch wenn es ohne merkliche Beteiligung des Gastlandes Polen auskam. Ausgerichtet wurde es von Peter Seiffert (Tenor), Thomas Hampson (Bariton), den NDR-Sinfonikern und Alan Gilbert am Pult.
Mahler zum Schluss und kurz vorher Jean Sibelius’ 7. Sinfonie - philosophisch, politisch und kulturhistorisch war dieses Abschlusskonzert und das inhaltlich identische Abschlussvorkonzert am Abend zuvor in Lübeck eine Lehrstunde. Wie haben namhafte Zeitgenossen Sibelius’ gelästert über den finnischen Komponisten: zu provinziell sei er, zu verhaftet in seiner Heimat.
Theodor W. Adorno bezichtigte ihn sogar des Dilettantismus’, tonale Kompositionen tat der Musikphilosoph ohnehin als gestrig ab. Die Schönheit von Sibelius’ Musik indessen hat das nicht berührt. Und was bei der vom Komponisten geleiteten Erstaufführung der 7. Sinfonie 1924 noch die Hörgewohnheiten sprengte - Einsätzigkeit einhergehend mit Verzicht auf kontrastierende Satzcharaktere - ist heute in die kulturelle Erbmasse eingegangen. Modern allerdings klingt diese Musik noch immer. Alain Gilgert führte die Sinfoniker durch die fließenden, auf- und abschwellenden Harmonien, ließ die Zuhörer darin baden. Ein großer Anfang vom Festival-Ende mit historischen und musikphilosophischen Erkenntnissen.
Die eigentliche Festival-Finale indessen wurde nach der Pause mit Mahlers 1911 posthum uraufgeführtem "Lied von der Erde" gefeiert - ein ebenso großer wie bittersüßer Abschied, den Seiffert und Gilbert krönten. Gustav Mahler hatte diesem sinfonischen Zyklus geschaffen, als literarische Vorlage diente ihm "Die chinesische Flöte" von Hans Bethke. Dies waren 1907 erschienene Nachdichtungen altchinesischer Lyrik - schlanke Texte, unter deren Einfluss Mahler die Tonsprache im Gegensatz zu seiner früheren orchestralen Opulenz deutlich reduzierte. Wie Sibelius’ verunsicherte auch Mahler seine Zeitgenossen. Vom Tod seiner Tochter, von schwerer Herzkrankheit und einer antisemitischen Hetzkampagne hart getroffen, hatte er im "Lied der Erde" zu einer Stimmung voller Todesahnung und Abschiedsschmerz gefunden.
Wirkung zeigte dies auch beim Kieler Publikum, zumal Seiffert und Hampson virtuos die Bitterkeit mit dem von Mahler ebenso gewollten Lebenshunger und Hoffnung tränkten. Das Publikum war hingerissen. Die Neugierde auf 2011 ist angeheizt.
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