KULTUR
Die Gesichter der Verlierer
Sado-masochistische Inszenierungen junger gefesselter Frauen: Mit diesen Fotos ist der manische Fotokünstler Nobuyoshi Araki aus Tokio bekannt geworden. Anfangs von den japanischen Behörden mit Pornografievorwürfen belegt, hängen diese Bondage-Bilder mittlerweile in den größten Museen und Privatsammlungen der ganzen Welt. Der 1940 geborene Araki gilt als Meister subtiler erotischer Inszenierungen und als Chronist der etwas abseitigeren Facetten des modernen Tokio. Sein stilleres Frühwerk und insbesondere die einfühlsamen Porträts seiner 1990 verstorbenen Frau Yoko waren bisher relativ unbekannt. Mit der Ausstellung "Silent Wishes" entdeckt jetzt das Haus der Photographie in den Hamburger Deichtorhallen einen sehr sensiblen und überhaupt nicht marktschreierischen Araki. Und der Betrachter staunt: Jenseits seiner ebenso exotischen wie sensationalistischen Bildstrecken voller versteckter Gewalt- und Todessymbolik hat Araki auch einmal das ganz alltägliche Leben zu zweit dokumentiert.
Seine Frau Yoko steht im Zentrum dieser rund 150 Arbeiten umfassenden Schau. Für die Serie "Sentimental Journal" fotografierte Araki sie in den unterschiedlichsten Situationen: nackt auf einem Hotelbett, als brave Hausfrau mit Schürze, als moderne junge Frau in der Tokioter U-Bahn oder als Geisha verkleidet. Doch ganz gleich, wann und wo sie entstanden sind: Alle diese Bilder zeigen eine mal staunend dreinblickende, mal zusammengekauert in der Ecke sitzende Frau, der die Welt um sie herum offenbar viel zu groß geraten ist. Es sind Bilder eines Rückzugs in die eigene Innerlichkeit, Bilder eines langsamen Abschieds. Als Araki und seine Frau von der tödlichen Erkrankung Yokos erfahren, beginnt er mit der Serie "Winter Journey". In einfühlsamen Schwarzweiß-Aufnahmen begleitet Araki den Leidensweg seiner Frau. Am Ende sieht man Yoko im Sarg: Ihr perfekt geschminktes Gesicht versinkt in einem Meer von Orchideen. Wer Arakis Gesamtwerk kennt, der bekommt mit "Silent Wishes" einen Schlüssel an die Hand, der zum tieferen Verständnis dieses ebenso lebenshungrigen wie berserkerhaft arbeitenden Fotokünstlers beiträgt.
Parallel zu Araki zeigt das Haus der Photographie eine umfassende Werkschau des 1960 in Charkow geborenen russisch-ukrainischen Fotokünstlers Sergey Bratkov. Auf rund 130 Aufnahmen aus den vergangenen 20 Jahren entwirft Bratkov, dessen Fotos besonders im Westen geschätzt werden, ein beunruhigendes und sozialkritisch aufgeladenes Panorama des postkommunistischen Russland. Unter dem ironischen Titel "Heldenzeiten" zeigt Bratkov die gestrauchelten, durchs Netz gefallenen Verlierer der neuen Zeit. Schweißtriefende Kampfsportler. Sekretärinnen, die sich, um einen Job zu ergattern, bis auf die Unterwäsche ausziehen und für ihren zukünftigen Chef in Pin-Up-Posen posieren. Kleinkinder, die von ihren eigenen Eltern in Lolita-Posen zurechtgemacht oder mit einer Handschelle an ein Heizungsrohr gekettet werden, um als Fotomodelle von dubiosen Agenturen angeheuert zu werden. Als Künstler hätte Bratkov diese beklemmenden Aufnahmen aus der deprimierenden Realität seines sozial zerrissenen Landes kaum machen können. Bratkovs subversiver Trick: Er ließ sich als kommerzieller Fotograf anheuern und gelangte so an die Talsohle einer extrem gespaltenen Gesellschaft, in der moralische Fragen bekanntermaßen weit weniger zählen als die Machtbessenheit der Eliten. Sein Russland der Klebstoff schnüffelnden Kinder, der enttäuschten Marineveteranen und der vielleicht noch einen letzten Hauch von Proletarierstolz versprühenden Stahlarbeiter ist der gültige Gegenentwurf zu den in westlichen Medien immer häufiger kursierenden, verlogen wirkenden Glamour-Inszenierungen russischer Oligarchen à la Roman Abramowitsch.






