KULTUR

 

"Nichts bleibt, wie es war"

11. Februar 2012 | Von Antonia Stahl

Ewiger Mahner und großer Poet: Hannes Wader Foto: Andreas Reiner

Hannes Wader wird in diesem Jahr 70 / Während seiner Frühjahrstournee kommt er auch nach Schleswig-Holstein

Bargteheide. Für die einen ist er der ewige Mahner, für die anderen der Idealtyp des linken Sängers oder schlicht ein großer Poet. Hannes Wader selbst sind solche Klischees egal: "Es ist unmöglich allen zu gefallen - und die Absicht habe ich auch gar nicht." Stattdessen bleibt sich der 69-jährige Liedermacher treu, indem er beständig weiter sucht. Schon Anfang der 70er Jahre hält er in seinem wohl populärsten Stück fest: "…und es ist mir längst klar, dass nichts bleibt, dass nichts bleibt, wie es war" ("Heute hier, morgen dort"). Kommende Woche ist Wader in Bargteheide, Husum und Schönberg zu Gast.

Einst galt der sozialkritische Chansonnier als Begleiter der 68er Studenten revolte, später als RAF-Sympathisant. 15 Jahre lang war Hannes Wader Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei, erst 1991 trat er aus. Oft sang er auf politischen Veranstaltungen, Arbeiterlieder und revolutionäre Hymnen machten einen wichtigen Teil seines Repertoires aus. Heute trägt er sie kaum noch vor. Auf seiner Homepage schreibt er rückblickend: "Die Implosion der kommunistischen Welt, über zwölf Jahre meine weltanschauliche Heimat, trifft mich schwer."

Aus der Provinz ins pulsierende Großstadtleben

Doch Hannes Wader ist einer, der sich nirgends in letzter Konsequenz niederlässt. Er stammt aus dem beschaulichen Bethel bei Bielefeld. Nach einer Lehre zum Schaufenster-Dekorateur hält ihn nichts mehr in der Provinz - die pulsierende Großstadt lockt. Wader will Grafiker werden, studiert mindestens so engagiert die Szene der Berliner Straßenmusiker und Künstler.

Der Begriff des Liedermachers hat sich noch nicht etabliert, und schon befindet sich der junge Wader inmitten eines rauschenden Umbruchs, den er selbst kaum überblickt. Jedenfalls dichtet er im Nachhinein: "Demonstrationen gegen die Springer-Presse, den Schah von Persien, den Krieg der Amerikaner in Vietnam. In meiner ostwestfälischen Schwerfälligkeit begreife ich nur wenig von alldem. Ich habe ständig das Gefühl, Wesentliches zu verpassen." In den 70ern kehrt Wader der Metropole irgendwann "berlin-müde" den Rücken, reist ein paar Monate durch Europa, lässt sich schließlich 25 Jahre lang in einer alten Windmühle in Struckum (Nordfriesland) nieder. "Angekommen bin ich trotzdem nie", sagt er heute, "die Heimat, die einem so vorschwebt, wird man wahrscheinlich nicht finden." Inzwischen lebt das Liedermacher-Urgestein in Kassel; seine zweite Frau arbeitet dort als Psychologin.

Und der einstige Revoluzzer ist mittlerweile Familienvater, trägt Sandalen und Hemden in gedeckten Farben. Das weiß das Publikum spätestens, seitdem der Film "Wader Wecker Vater Land" Mitte Dezember in ausgewählten deutschen Kinos angelaufen ist. Die Dokumentation zeigt voller Feingefühl, wie zwei in die Jahre gekommene politische Chansonniers gemeinsam auf Tournee gehen. Hannes Wader und Konstantin Wecker müssen sich aufeinander einlassen - kein einfaches Unterfangen: So ähnlich ihre politischen Wurzeln auch sein mögen, so unterschiedlich sind ihre Charaktere und ihre Art des Musizierens. Wader macht keinen Hehl daraus, dass er bislang nicht viel von seinem künstlerischen Zeitgenossen gehalten hat: "Mein Ideal war, so minimal zu sein, dass mir schon sechs Saiten auf der Gitarre zu viel waren. Konstantin ist genau das Gegenteil. Und das war mir gar nicht sympathisch." Der flinke Konstantin Wecker, der in den 80ern mit Koks-Eskapaden für Schlagzeilen sorgte, foppt Wader indes via Lobpreis.

"Mit 69 ist man einfach älter

geworden, mit 70 ist man alt."


2011 hat "Wader Wecker Vater Land" bereits den Publikumspreis beim Filmfest München erhalten und ist inzwischen in der Vorauswahl für den deutschen Filmpreis gelandet. Schlicht und fein zeichnet Regisseur Rudi Gaul die Charaktere hinter den Bühnenfiguren. Gerade neben Lebemann Konstantin Wecker wird Hannes Waders Perfektionismus deutlich; trotz seiner Erfahrung ist der fast 70-Jährige vor Auftritten noch immer hypernervös.

"Ich bin heute sogar schwerer zufrieden zu stellen", sagt Wader selbst, "allein deshalb muss ich eine Menge tun." Auch während seiner Frühjahrstournee gönnt sich der Gitarrenkünstler keine Ruhepause; spielt an bis zu zehn Abenden infolge. "Das ist wie bei einem straff gespannten Seil", erklärt er, "lässt die Spannung nach, sackt es schlaff in sich zusammen."Neben neuen Songs erwarten das Publikum bei der Tournee im Februar und März auch ganz alte Stücke; das ist so Brauch bei Hannes Wader, "Lieder haben eben immer etwas mit Erinnerungen zu tun", begründet er.

Und was bedeutet der runde Geburtstag am 23. Juni für seine musikalische Zukunft? "Mit 69 ist man einfach älter geworden", seufzt der Liedermacher, "mit 70 ist man alt." Trotzdem wird Hannes Wader weiter singen. "Sicher noch ein paar Jahre - aber dann komme ich als alter Mann auf die Bühne."

Hannes Wader besucht während seiner Frühjahrstournee am 14. Februar das Kleine Theater in Bargteheide, am 15. Februar das Nordsee Congress Centrum in Husum und spielt am 16. Februar im Hotel Stadt Kiel in Schönberg. Weitere Informationen: www.hanneswader.de


 

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