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Lokales

03. Dezember 2016 | 07:55 Uhr

Prozess in Itzehoe : Wenn 1,5 Sekunden über Leben und Tod entscheiden

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wenn beide Schuld tragen: Ein Autofahrer missachtet die Vorfahrt, ein anderer rast. Am Ende ist einer tot, der andere steht vor Gericht.

Itzehoe | Friedrich Dutt ist tot, weil er 1,5 Sekunden zu früh von zuhause losfuhr. Davon ist der Sachverständige überzeugt. Und Andreas Vissert ist der fahrlässigen Tötung schuldig. So sieht es das Itzehoer Strafgericht. Tatsächlich geht es darum, dass der eine ein „Vorfahrt-achten“-Schild missachtete, der andere sich nicht an die Geschwindigkeitsbegrenzung hielt. Schuld sind beide, so der Richter – und passieren könnte es jeden Tag, vielfach.

So wie heute war es auch am 13. Oktober vergangenen Jahres um 5.10 Uhr dunkel an der Kreuzung der Hauptstraße zwischen Itzehoe und Wilster und der Landstraße 135 im Kreis Steinburg. Friedrich Dutt (63)* wollte nach links abbiegen, sah die Scheinwerfer eines Autos und dachte sich „das schaffe ich“ – dass das andere Auto Vorfahrt hatte, interessierte ihn in diesem Moment offenbar wenig. In eben diesem anderen Wagen saß der augenscheinlich ausreichend genervte Malermeister Andreas Vissert (47)*. Zeuge Oskar Prübilsky* sagt vor Gericht aus, dass Vissert ihn schon Minuten vorher in Heiligenstedten bedrängt und mit überhöhter Geschwindigkeit innerorts überholt hat. Tatsache ist: Vissert reduziert die Geschwindigkeit seines Wagens wenig später nur unmerklich, bremst nicht, nimmt nur den Fuß vom Gaspedal – obwohl im entscheidenden Kreuzungsbereich lediglich 70 Stundenkilometer erlaubt sind, statt vorher 100.

Was folgt, ist fatal und tödlich: Dutt sieht die Xenon-Scheinwerfer von Visserts Wagen und fährt trotzdem über die Kreuzung, Dutt erschrickt, zieht nach links, vergisst zu bremsen. Den Bruchteil einer Sekunde später rast Visserts Opel in den Audi, schneidet die komplette Fahrerseite auf, der Motor samt Getriebeblock reißt heraus, Öl und Benzin aus dem Audi verschmieren die Fahrbahn. Beide Fahrzeuge stoßen am Heck erneut zusammen, bevor Vissert mit seinem Opel nahezu unverletzt in der Leitplanke hängenbleibt.

Friedrich Dutt dagegen dreht sich mit seinem Audi auf der Fahrbahn, schwer verletzt. Als Oskar Prübilsky wenig später hinzukommt, wimmert Dutt noch, leicht lebend. „Ich habe seinen Puls gefühlt“, sagt Prübilsky vor Gericht aus, „der war sehr schwach.“ Der Notarzt konnte nur noch den Tod feststellen.

Schuldig, aber nicht verurteilt - der Unfallfahrer vor Gericht.
Schuldig, aber nicht verurteilt - der Unfallfahrer vor Gericht. Foto: Marion von Oppeln
 

„Es tut mir leid“, sind die letzten Worte des Angeklagten Vissert vor dem Itzehoer Amtsgericht in dieser Woche – Adressatin: Witwe Dutt. Die weint vernehmlich, wissend, dass ihr verstorbener Mann nicht unschuldig war an seinem eigenen Tod. So urteilte der Vorsitzende Strafrichter, Mark Eidam, denn auch „schuldig der fahrlässigen Tötung“ für Andreas Vissert. Allerdings nicht als Verurteilung, sondern als Verwarnung. Das Bußgeld von 2400 Euro wurde zur Bewährung ausgesetzt, das Schmerzensgeld von 2000 Euro zur Verrechnung mit dem noch ausstehenden Zivilprozess. „Eine schwierige Entscheidung“, so Eidam, weil beide Autofahrer ihre Pflichten missachtet hätten.

Am Ende brachte der Gutachter die Tragik auf den Punkt: Es ging um 1,5 Sekunden. Sprich – hätte Dutt am „Vorfahrt-beachten“-Schild gehalten, wäre gar nichts passiert. Hätte Vissert sich an die 70 km/h gehalten, auch nicht. Da ein Vorfahrt-Verstoß jedoch nach Meinung des Bundesgerichtshofes stärker wiegt, als eine Geschwindigkeitsübertretung, ist Vissert schuldig, wurde aber nicht verurteilt. „Ein tragischer Verkehrsunfall“, so Eidam – der zu vermeiden gewesen wäre, wenn beide die Verkehrsschilder ernst genommen hätten. Oder zumindest einer...

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erstellt am 27.Nov.2016 | 08:00 Uhr

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