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Wedel-Schulauer Tageblatt

05. Dezember 2016 | 01:29 Uhr

Wohl bekomm’s

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Das Wirtschaftswunder in den Westzonen der gerade gegründeten Bundesrepublik liegt schon in greifbarer Nähe. Man rappelt sich zurecht im Jahre 1951, allerorten wird gebaut, gegenüber dem Barlach-Haus an der Mühlenstraße ist eben die Gaststätte von Carl Ramcke wiedererrichtet worden. Dort, wo heute an lauen Sommerabenden sich die Gäste des BWC im Garten tummeln, scheint die Zeit aber stillgestanden zu sein. Wo die Grundstücke des „Wedeler Hofs“ (Ramcke), der Bäckerei Lepthin, des Wohnhauses der Frau Koenig in der Schulstraße und einer Flüchtlings-Baracke aneinandergrenzen, dort stinkt´s gottserbärmlich.

„Ich möchte hiermit bitten, dass sich das Gesundheitsamt Pinneberg einmal den Schweinestall besonders den Abfluss desselben und den Hühnerstall des Bäckermeisters Lepthin in Wedel ansieht. Die Zustände sind unerhört, der Gestank ist so schlimm, dass ich zeitweise meine Zimmer fluchtartig verlassen muss“, beklagt sich die Anwohnerin, Gertrud Koenig, im September 1951 brieflich. Die Wirtin des Wedeler Hofs, Wilhelmine Ramcke, unter Wedelern bekannt als „Tante Mine“, fügt hochachtungsvoll hinzu: „In unserem netten Vorgarten kann niemand sitzen, der Gestank zieht zeitweilig durchs ganze Haus bis in die Gasträume.“


Schweinefäkalien, Fliegen und Ratten


Der Gesundheitsaufseher des Gesundheitsamts des Kreises Pinneberg kommt nach Augenschein und persönlicher Geruchsprüfung zu folgender Einsicht: „Auf dem Hinterhof des Grundstückes Lepthin befinden sich Stallungen für Schweine und Hühner sowie zwei Toiletten. Zur Zeit herrschen dort hygienische Missstände. Die Schweinefäkalien lagern breitwürfig. Vier Meter neben den Stallungen befindet sich eine unvorschriftsmäßige Abortgrube von 2,50 mal 2,50 Metern, die nur behelfsmäßig abgedeckt ist und aus der nach allen Seiten die Fäkalien abfließen. Die daneben stehenden zwei Toiletten waren unsauber und Kot lag, da die Abortgrube voll ist, bis oben hin. Außerdem sollen sich viele Kakerlaken dort befinden. Da durch die unhygienische Lagerung von Schweinefäkalien und das Überlaufen der Abortgrube eine enorme Geruchsbelästigung, vermehrte Fliegenplage sowie das Auftreten von Ratten hervorgerufen werden, erscheint eine Ordnungsverfügung zur Abstellung der unhygienischen Zustände erforderlich.“

Der getadelte Bäckermeister Justus Lepthin zeigt sich verstimmt. Das, was sich über die Jahrhunderte bewährte, soll nun plötzlich Nasenrümpfen verursachen? „Ich möchte Sie aber darauf aufmerksam machen, dass die Ratten unter der Baracke der Frau Koenig herauskommen. Die Toiletten werden immer gereinigt, aber nach einer einmaligen Benutzung im Arbeitszeug vom Mehlstaub wieder verunreinigt.“ Selbstverständlich werde er die gerügten Missstände beseitigen, „ich kann aber nicht einsehen, dass ich für das Niederschlagswasser, das vom Nachbargrundstück des Herrn Carl Ramcke kommt und nach jedem Niederschlag meine Dunggrube bis zum Überlaufen füllte, verantwortlich bin.“

Ein Jahr später übermittelt das Gewerbeaufsichtsamt Lübeck ein Gutachten, in dem es heißt: „Ein polizeiliches Einschreiten dürfte in diesem Falle nicht möglich sein, zumal die Schweinehaltung in kleineren Städten als ortsüblich angesehen werden muss.“ 

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erstellt am 10.Nov.2016 | 10:05 Uhr

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