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Wedel-Schulauer Tageblatt

11. Dezember 2016 | 12:58 Uhr

Solidaritätsaktion in Wedel : Rist-Schüler, SC Cosmos-Fußballer und Flüchtlingsbetreuer wollen die Abschiebung von Familie Ferati stoppen

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

292 Wedeler unterschrieben. Die Listen sollen die Härtefallkommission des Innenministeriums Schleswig-Holstein überzeugen, die Abschiebung der Familie zu stoppen. Oder sich überhaupt mit dem Asylantrag zu beschäftigen.

Wedel | „Familie Ferati soll hier bleiben“ stand auf den Plakaten, mit denen Jugendliche am Sonnabend durch die Wedeler Fußgängerzone zogen. Vor der Postfiliale sammelten die Schüler der Klasse 9c des Johann-Rist-Gymnasiums (JRG) und die B-Jugend-Fußballer von Cosmos Wedel Unterschriften. Sportler und Schüler kämpften für das gemeinsame Ziel, die Abschiebung von Familie Ferati und damit ihres Mitschülers, Mitspielers und Freundes Erduan (15) zu verhindern. 292 Wedeler unterschrieben. Die Listen sollen die Härtefallkommission des Innenministeriums Schleswig-Holstein überzeugen, die Abschiebung der Familie zu stoppen. Oder sich überhaupt mit dem Asylantrag zu beschäftigen. Denn dass das geschehen ist, zweifeln Nadine Mai und Ute Amer, die die Familie seit der Ankunft in Wedel betreuen, an.

Im Februar 2015 entscheiden Ismajl und Feride Ferati mit ihren Kindern Erduan und Altrim aus Mitrovica, einer Stadt mit 100.000 Einwohnern im Norden des Kosovo zu fliehen. Der Familienvater arbeitete als Maler bei einem serbisch-französischen Unternehmen. In der zweigeteilten Stadt – es gibt einen serbischen und einen albanischen Teil – wurde er dafür immer wieder diskriminiert. „Spion“ und „Verräter“ sind die freundlichsten Beleidigungen, die Ismajl Ferati ertragen musste.

Was ihm noch widerfahren ist, will er nicht sagen. Dafür zeigen Fotos auf dem Smartphone von Erduan, was der Auslöser für die Flucht war. Auf den Bildern ist sein jüngerer Bruder, damals elf Jahre alt, zu sehen. Schnitt und Schürfwunden zeichnen das blutverschmierte Gesicht. „Ihm wurde nach der Schule aufgelauert“, berichtet Erduan. Kein Dummer-Jungen-Streich. Es waren erwachsene Männer, die auf den Jungen einschlugen und traten. Die Familie floh. „Der Krieg ist offiziell beendet, aber man sieht, dass er andauert“, sagt Amer. Eine Chance auf einen Neuanfang in der Heimat habe es nicht gegeben. „Der Kosovo ist sehr klein, und unser Ruf wäre uns vorausgeeilt“, sagt Erduan.

In Karlsruhe stellten die vier im Februar 2015 ihren Asylantrag. „Es war nur eine Erfassung“, berichtet Erduan, der die neunte Klasse des JRG besucht und mittlerweile nahezu perfekt Deutsch spricht. Von dort ging es über Neumünster und Elmshorn nach Wedel, wo die Familie seitdem lebt. Noch. Denn sie soll abgeschoben werden. Am 5. Juli 2016 erhielten die Feratis ein Einschreiben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF). In dem auf den 28. April datierten Schreiben wird die Familie informiert, den Anhörungstermin am 11. April verpasst zu haben. „Wir haben sofort ans BAMF geschrieben“, berichtet Amer. Eine Reaktion blieb aus.

Asylanträge abgelehnt

Am 19. Oktober kam die nächste Hiobsbotschaft. Der Kreis Pinneberg teilte mit, dass die Asylanträge am 23. August abgelehnt worden seien. „Wie mit Menschen umgegangen wird, ist Deutschland nicht würdig. Es ist unseres Systems nicht würdig“, entrüstet sich Amer. „Ich habe das Gefühl, dass die Menschen einfach nur weg sollen. Ich dachte immer, jeder bekommt ein faires Verfahren.“ Die Feratis bestätigen im Gespräch mit unserer Zeitung, dass nie nach den Gründen für ihren Asylantrag gefragt worden sei, und es nie eine Einladung zu einem Interview gegeben habe.

Dafür, dass das Asylverfahren überprüft wird, soll nun die Härtefallkommission sorgen. Eine Klage ist aufgrund der Kosten von mindestens 2400 Euro derzeit utopisch, da nicht bezahlbar. „Wir, die Klasse 9c werden dafür kämpfen, dass Erduan bei uns in Deutschland bleiben darf“, haben Mitschüler geschrieben. Erduan hat Schreiben der Volkshochschule, von „Barlach Go Young“, seinen Trainern im Sportverein, von der Tanzschule Riemer, wo er Hip Hop und Breakdance tanzt, und sogar ein Schreiben von Bundespräsident Joachim Gauck, in dem er das Barlach-Integrationsprojekt lobt, in seiner Mappe. „Mehr Integration geht doch gar nicht“, sagt Amer. Ismajl Ferati hat das Angebot in einer Kfz-Werkstatt zu arbeiten, seine Frau Feride absolviert ein Praktikum in einem Friseursalon und würde ebenfalls eingestellt werden – wenn sie ein Bleiberecht hätte. Darum kämpft die Familie mit vielen Helfern. Die Unterlagen sollen mit den Unterschriften überzeugen.

Was wäre, wenn sie keine Anhörung bekommen und Deutschland verlassen müssten? Alle vier atmen deutlich hörbar aus. Es ist ein Seufzen. „Wir haben kein Zuhause mehr. Es wäre sehr schlimm, wenn wir weggeschickt würden“, sagt Ismajl Ferati. Die Familie senkt die Köpfe und schweigt.

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erstellt am 14.Nov.2016 | 12:15 Uhr

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