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Wedel-Schulauer Tageblatt

10. Dezember 2016 | 13:54 Uhr

Mein lieber Schwan

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

„Jungschwäne entführt“, titelten die Lübecker Nachrichten im September 1958. Tatort Hoisbüttel, zwischen Ahrensburg und Norderstedt. Das Raubgut: Drei Jungschwäne. Der Täter: Ein pensionierter Lehrer aus Wedel, der aus Hoisbüttel stammt. Ohne Erlaubnis des Jagdpächters entwendete er die Tiere und zog sich ein polizeiliches Ermittlungsverfahren wegen Jagdwilderei zu.

Zweifel sind ausgeschlossen, es gibt nur einen, auf den die Tätermerkmale „pensionierter Lehrer mit Geburtsort Hoisbüttel“ zutreffen: den langjährigen Rektor der Altstadtschule, Arnold Hufe. Ermittlungen nun just gegen den Naturschutzbeauftragten der Stadt Wedel! Das Ehrenamt hatte er schon seit 20 Jahren inne. Mehr noch, der Täter war im Vorstand des Wedeler Jagdvereins engagiert und überdies Stadtrat für Feld- und Forstwesen.

Schwäne zur Strecke zu bringen, das hat in Wedel eine lange Tradition. So liest man in der Wedel-Schulauer-Zeitung vom Februar 1933, dass der hohe Eisgang auf der Elbe einen ebenso gefährlichen wie gewinnbringenden Zeitvertreib ermöglichte, die Eisjagd. Die Eiskähne, Flinten, Picken und Haken wurden zu Tarnzwecken weiß gestrichen. Auch die Jäger, die zwischen den Eisblöcken stakten, hatten sich weiße Hemden und Kappen übergezogen. Eine notwendig listige Vorkehrung, denn bekanntlich tragen die Schwäne im Eis ihre natürliche Tarnfarbe. „Tüchtige Jäger“, so der Reporter, „brachten an die 50 bis 70 Taucher an einem Tag nach Hause“. Unfair, es zu verschweigen, dazu gehörten auch die ungetarnten Wildenten. „Dass dann die gute Mahlzeit schmeckt, ist zu begreifen“.


Delikates Geflügel, königliches Wildbret


Ja, richtig gelesen, der Schwan landete majestätisch auf dem Teller. Glaubt man dem allwissenden Internet, soll die Zubereitung zwar schwierig sein, das Fleisch aber wohlschmeckend, wie Wildbret. Die britische Königin, beispielsweise, soll die Gaumen ihre Gäste noch im Jahre 1965 mit einer solchen Delikatesse umschmeichelt haben.

Leider wissen wir nicht, wie das Ermittlungsverfahren gegen Arnold Hufe endete. Ihm zu unterstellen, die Jungtiere für seine Bratröhre eingesackt zu haben, ist mit Sicherheit auszuschließen. Da wäre schon Luise, seine Gattin, davor gewesen, die nach seinem Tode 1967 dessen naturfreundschaftliche Liebe zu den Wedeler Schwänen rühmte.

Wie glaubhaft Hufes Naturpazifismus erscheint, ist auch aus einem empörenden Vorfall sehr gut ersichtlich, der sich vier Jahre nach dem Hoisbütteler Schwanengesang, Franz Schuberts Synonym für die „Melancholie des Abschieds“, am Mühlenteich in Wedel ereignete. Dort hatten an Pfingsten 1962 Unbekannte ein Schwanengelege mit sechs Eiern geraubt. „Jeder Naturfreund muss ob solcher Rohheit empört sein. Diesen Unholden ist offenbar nichts heilig“, wetterte Hufe.

Niemand ziehe nun leichtfertig eine Parallele zwischen Unhold und Schuldirektor. Wie Horst Gleis in einem Nachruf betonte, war Arnold Hufe ein „Mann der Tat, der dogmatische Bindungen verabscheute und sinnvolle pragmatische Lösungen von Problemen anstrebte“ sowie „stets nach friedlichem Ausgleich und vernunftbetonter Mäßigung trachtete“.

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erstellt am 03.Nov.2016 | 10:18 Uhr

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