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Wedel-Schulauer Tageblatt

11. Dezember 2016 | 11:10 Uhr

„Das schönste Haus Wedels“ : Leben in einer ehemaligen Wohnscheune

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Almut Kehde lebt in der die reetgedeckten ehemaligen Wohnscheune in der Wiede 6. Regelmäßig sind Arbeiten am Dach nötig.

Wedel | Wer einen Eindruck bekommen möchte, wie Wedel in früheren Zeiten ausgesehen hat, sollte seine Schritte in die Wiede, den sandigen Verbindungsweg zwischen Wiedestraße und Rist-Gymnasium, lenken. Hier steht, zusammen mit dem Nachbargebäude, eines letzten erhaltenen originalen Reetdachhäuser der Altstadt. In der einst als Wohnscheune aufgestellten Kate lebt seit 32 Jahren Almut Kehde mit ihrer Familie.

Reetdächer haben nicht nur ein markantes Aussehen. Sie bedürfen auch regelmäßiger Pflege. „Wenn man wollte, könnte man ständig erneuern“, so Hausbesitzerin Almut Kehde. Etwa 50 bis 60 Jahre („Ein Leben lang“, so sagen Fachleute) hält ein Reetdach, bis es komplett erneuert werden muss. Glücklicherweise gibt es in der Haseldorfer Marsch noch Betriebe, die auf die Herstellung und Reparatur der für Norddeutschland so typischen Bedachung spezialisiert sind. Wer stolzer Besitzer dieser Weichbedachung ist, schätzt seine Vorteile. „Im Sommer kühl, im Winter warm“, sagt Kehde. „Und bei Sturm gibt es kein Ziegelgeklapper.“ Ab Mitte oder Ende des 19. Jahrhunderts wurden mit Stroh oder Reet gedeckte Häuser zunehmend weniger, nicht zuletzt wegen strengerer Brandschutzvorschriften. Bis in die 1960er Jahre standen selbst an der Wedeler Bahnhofstraße noch einzelne Häuser, deren Bedachung aus Reet bestand wie beispielsweise das Möbelgeschäft Schümann, das heute Filialstandort eines Kafferösters ist.

Kehde kennt das Haus noch aus ihren Kindheitstagen, als ihre Tante Hedwig Döttinger darin lebte. „Das Haus war für mich schon immer ein einzigartiger Ort.“ In den 1960er und 1970er Jahren war sie mit Eltern und Geschwistern häufig zu Besuch bei der kinderlosen Tante, die das Haus seit dem Kauf durch ihren Mann 1926 bewohnte.

„Für mich war es wie nach Hause kommen, wenn wir als Kinder mit meiner Mutter aus Hamburg zu Tante Hedel nach Wedel fuhren“, erinnert sich Kehde. „Die schönen Apfelbäume, die ganze Idylle hier. Die Nachbarin hatte Enten und einen Collie. Hier habe ich mich immer sofort wohl gefühlt.“ Als die Tante 1973 starb, gehörte das Haus zunächst Kehdes Mutter, die es vermietete. Als Kehde volljährig wurde bot die Mutter ihr an, es zu übernehmen. Freudig ging sie auf den Vorschlag ein und hat es bis heute nicht bereut.

Almut Kehde vor ihrem Haus in der Wiede 6.
Almut Kehde vor ihrem Haus in der Wiede 6. Foto: Bohling
 

„Das Geschoss unterm Dach war nicht ausgebaut. Da lag überall noch Stroh und allerlei Gerümpel rum“, erinnert sie sich. 1996 nahm sie den Ausbau des oberen Stockwerks in Angriff, gestaltete den Dachboden und schuf für ihre junge Familie zusätzlichen Wohnraum. Kein einfaches Unterfangen, da es nicht nur mit wohnlichen Einschränkungen, sondern auch erheblichen finanziellen Aufwendungen verbunden war. „Im Jahr darauf haben wir dann noch den Dachstuhl erneuert“, so Kehde rückblickend. Die alten Stützbalken blieben erhalten, aber das Reet und die marode Querlattung wurden vollständig ersetzt. „Wir haben damals vieles auch mit persönlichem Einsatz gewuppt“, entsinnt sich Kehde.

Doch der private Aufwand zum Erhalt des Hauses habe sich gelohnt. Zwar müsse das Dach in regelmäßigen Abständen von drei bis vier Jahren ausgebessert oder in Teilen erneuert werden. Doch das gehört für Kehde einfach dazu, wenn man wie sie in einem gemütlichen Haus leben will. „Ich könnte mir nicht vorstellen, woanders zu wohnen“, sagt die Blumenliebhaberin.

Alte Zeiten: Almut Kehdes Tante Hedwig Döttinger steht in den 1930er Jahren vor dem Haus.
Alte Zeiten: Almut Kehdes Tante Hedwig Döttinger steht in den 1930er Jahren vor dem Haus. Foto: Bohling

Der Garten ihres Hauses ist über die Jahre zu einem botanischen Paradies herangewachsen. Hier pflanzt und begrünt die gebürtige Volksdorferin, die seit mehr als 25 Jahren auf dem dortigen Wochenmarkt einen Blumenhandel betreibt, was ihr gefällt. Wasser dafür kommt aus dem eigenen Brunnen. „Den hatte Tante Hedel schon“, schmunzelt die gelernte Floristin.

Wie sehr die Bevölkerung es schätzt, gepflegte Reetdachhäuser zu sehen, erfährt Kehde fast wöchentlich. „Immer wieder sprechen mich Spaziergänger an, wie schön sie es finden, dass es so etwas Erhaltenswertes und Erfreuliches wie mein Haus noch gibt“, sagt sie. Und ergänzt: „Manche machen sogar extra einen Umweg, um hier am schönsten Haus Wedels vorbei zu kommen.“

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erstellt am 06.Sep.2016 | 17:00 Uhr

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