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Wedel-Schulauer Tageblatt

04. Dezember 2016 | 05:00 Uhr

Gutachter: Dreck aus Kraftwerk ist ungiftig : Initiative sieht Gutachten skeptisch

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Ein Labor untersucht nach Ausstoß Chemikalien. Es wurden Schwermetalle gefunden. Bürger wollen die Analyse überprüfen lassen.

Wedel | Das Wedeler Kohlekraftwerk hat in der Vergangenheit wiederholt Partikel ausgespuckt. Gestern hat die zuständige Aufsichtsbehörde, das Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR), ein toxikologisches Gutachten vorgelegt. Ergebnis: Es besteht kein Risiko für die menschliche Gesundheit.

Erstellt hat das Gutachten die ATC GmbH aus Krefeld (Nordrhein-Westfalen). Den Auftrag hatte das LLUR am 12. August erteilt. Die Experten kommen zu folgendem Urteil: „Abschließend ergibt die durchgeführte humantoxikologische Bewertung, dass vom Partikelniederschlag aus dem Kamin des Heizkraftwerks Wedel auf die Umgebung aus humantoxikologischer Sicht kein relevantes Risiko für adverse Effekte auf die menschliche Gesundheit ausgeht. Diese Bewertung schließt die mögliche Exposition von Kindern ausdrücklich mit ein.“

ATC legte für seine Analyse die Bundesbodenschutzverordnung (BBodSchV) zugrunde. Darin sind Prüf- und Maßnahmenwerte für Chemikalien festgelegt. Der Prüfwert signalisiert, dass nach seiner Überschreitung eine Gefahr nicht ausgeschlossen werden kann und weitere Untersuchungen nötig sind. Der Maßnahmenwert ist eine Schwelle, deren Überschreitung Gefahr bedeutet und ein Eingreifen nötig macht.

Die Analysedaten der Proben aus der Nachbarschaft des Kraftwerks stammen von der GBA Gesellschaft für Bioanalytik mbH aus Pinneberg. Das Unternehmen wurde von Vattenfall beauftragt. Die ATC-Wissenschaftler haben mit diesen Daten das Risiko der gefundenen Stoffe für die menschliche Gesundheit beurteilt.

Die Experten haben unter anderem Arsen gefunden. In dem Gutachten heißt es dazu: „Die Konzentration erreicht den Prüfwert der BBodSchV, überschreitet ihn aber nicht.“ Die Konzentrationen an Blei, Cadmium, Kupfer und die Summe der Polychlorierten Dibenzo-p-dioxine und Dibenzofurane (PCDD/DF) lägen unter dem jeweiligen Prüfwert und seien unkritisch. Auch das gefundene Zink sei irrelevant. Quecksilber, Polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) und Fluorid seien nicht nachweisbar.

Gefunden wurden allerdings die Schwermetalle Chrom und Nickel. Deren Konzentration überschreite die Prüfwerte der BBodSchV. Die Gutachter kommen trotzdem zu dem Schluss, dass keine Gesundheitsgefahr bestehe. Die europäische Lebensmittelbehörde European Food Safety Authority (EFSA) habe einen Tolerable Daily Intake (TDI) definiert. Dieser Wert gibt die Menge eines Stoffes an, die ein Mensch täglich zu sich nehmen kann, ohne Schäden davonzutragen. Für Nickel betrage die rechnerisch aufgenommene Menge in der Nachbarschaft des Kraftwerks pro Tag nur 30 Prozent des TDI, für Chrom nur 0,4 Prozent des TDI.

Die Bürgerinitiative (BI) „Stopp! Kein Mega-Kraftwerk Wedel“ beruhigt das nicht. „Wir werden die Analyse einem eigenen Gutachter vorlegen. Die Werte für Chrom und Nickel wurden massiv überschritten“, sagte BI-Sprecherin Kerstin Lueckow. „Wozu gibt es Grenzwerte, wenn sie nicht eingehalten werden?“, fragt sie. Ungeklärt sei zudem, warum sich Säure gebildet und große Schäden auf Lack- und Glasflächen verursacht habe.

Kein Handlungsbedarf

Das LLUR sieht vorerst keinen Handlungsbedarf. „Das Gutachten liegt seit gestern vor. Abschließende Konsequenzen können noch nicht gezogen werden“, teilte Pressesprecher Martin Schmidt mit. Da der Partikelausstoß nicht gesundheitsschädlich sei, müsse auf die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen geachtet werden. Schmidt sagte: „Vattenfall plant zur Vermeidung von Partikelausträgen die großflächige Auskleidung des Schornsteins mit einer Spezialfolie während der nächsten Revision. Dieses Vorgehen ist verhältnismäßig.“ Nach Auswertung des Gutachtens werde das LLUR eine nachträgliche Anordnung erlassen.

Wedels Bürgermeister Niels Schmidt (parteilos) sagte: „Es ist erfreulich, dass laut dem Ergebnis kein humantoxikologisches Risiko von dem Ausstoß ausgeht.“ Das Prozedere bestätige aus seiner Sicht, dass das LLUR sorgfältig und transparent mit dem Problem umgehe.

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