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Wedel-Schulauer Tageblatt

06. Dezember 2016 | 11:16 Uhr

Obduktionsergebnis : Familiendrama in Wedel: Die Kinder wurden ertränkt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Zwei kleine Kinder sind tot, ihr Vater springt vom Dach eines Hochhauses, und die Mutter ist verschwunden. Was wir bislang wissen.

Wedel | Das Obduktionsergebnis im Fall der toten Kinder aus Wedel steht fest. Laut dem rechtsmedizinischen Gutachten wurden die Tochter (5) und der Sohn (2) ertränkt. Todeszeitpunkt sei vermutlich der Samstag gewesen. Die Polizei geht zum jetzigen Zeitpunkt davon aus, dass der 49-jährige Vater die Geschwister getötet hat. Hintergrund der grausamen Tat dürften familiäre Probleme gewesen sein.

Der Vater wurde ebenfalls tot gefunden. Er war von einem Hochhaus gesprungen. Unterdessen geht die Suche nach der Mutter weiter. „Wir wünschen uns sehr, dass die Mutter noch lebt“, heißt es bei der Polizei. Doch tatsächlich gehen die Ermittler wohl davon aus, dass Ximena V. (37) tot ist – weil sie sich nicht meldet.

Vor drei Jahren war die Familie nach Wedel im Kreis Pinneberg gezogen. In einen weißen Bungalow im Kiefernweg, einer beschaulichen Sackgasse. Projektmanagerin Ximena V. stammt aus Bolivien und hat Spanischkurse in der Familienbildungsstätte gegeben. Ehemann Andreas R. (49) soll bei Airbus gearbeitet haben. Die Tochter (5) und der Sohn (2) spielten mit den Kindern aus der Straße. Nachbar Ulrich Morgenweck: „Die Familie wirkte glücklich. Die Mutter war außerordentlich nett und freute sich über jeden Schnack am Gartenzaun. Er hat die Kinder morgens immer mit dem Fahrrad in den Kindergarten gebracht.“

Doch irgendwann hat die Partnerschaft Risse bekommen. Ximena V. war zuletzt oft tagelang nicht mehr zuhause. In dem Hochhaus, von dem sich Andreas R. in die Tiefe stürzte, besaß die Familie eine Eigentumswohnung. Auf dem Briefkasten steht der Name eines Mieters und ihr Name – gab es eine Trennung und war die Mutter zumindest zeitweise ausgezogen? Ermittler der Polizei sagen: Nein. Fakt ist: Andreas R. hat zuletzt nicht mehr gearbeitet. „Wegen einer Erkrankung war er arbeitsunfähig“, will Nachbar Morgenweck wissen. Die Art der Erkrankung kennt er aber nicht.

Die Hintergründe der Tat sind weiterhin unklar. Fest steht: Weil die Mutter seit längerer Zeit nicht erreichbar war, hatten sich die Großeltern der Kinder Sorgen gemacht und waren am Sonntagvormittag zu dem Bungalow gefahren. Dort entdeckten sie die Leichen ihrer Enkel.

Nicht wegsehen – Familientragödien verhindern

Warum die Kinder? Diese Frage quält. Noch sind die Hintergründe der Familientragödie von Wedel nicht geklärt, doch es ist sehr wahrscheinlich, dass der Vater seine fünfjährige Tochter und seinen zweijährigen Sohn getötet hat und sich danach vom Dach eines Hochhauses stürzte. Zudem steht die Frage im Raum, ob er die Mutter der Kinder ebenfalls umgebracht hat.

Fachleute sprechen bei solchen Taten von einem erweiterten Suizid. Sie machen fassungslos, weil sie sich offenbar jenseits all der Liebe bewegen, die wir für unsere Kinder empfinden. Doch tatsächlich sind es aus Expertensicht manchmal sogar altruistische Motive, die Täter antreiben – nämlich die Überzeugung, dass der Tod auch für das Kind die beste Lösung sei.

Eine Studie der medizinischen Fakultät Bonn zeigt, dass die Täter häufig aus sozialen Schichten mit einem recht hohen Bildungsniveau kommen. Allerdings: Die Erklärungen für erweiterte Suizide unterscheiden sich bei Männern und Frauen erheblich. Mütter sehen Kinder meist als Teil ihres eigenen Schicksals. In ihrer Verzweiflung haben sie den Wunsch, sie nicht alleine zurückzulassen. Bei Vätern ist hingegen häufig Rache ein typisches Motiv. Sie bestrafen die Frau, weil sie ihn verlassen will. Auslöser können aber auch Schicksalsschläge sein, die ihre Lebensplanung zerstören. In der Bonner Studie hatten gut die Hälfte der Täter ihren Job verloren. Auch psychische Erkrankungen spielen eine Rolle, paranoide Wahnvorstellungen oder depressive Episoden, die mit absoluter Hoffnungslosigkeit einhergehen.

Wie kann man helfen? Die Entwicklung bis zum erweiterten Suizid läuft nach Kenntnis der Forscher meistens im Verborgenen ab und sei selbst für enge Familienmitglieder schwer vorhersehbar. Ihr einziger Rat: Sich um Hilfe zu kümmern, wenn depressive Eltern mit Kindern zusammenleben. Das kostet Mut.

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erstellt am 18.Okt.2016 | 07:22 Uhr

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