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Wedel-Schulauer Tageblatt

02. Dezember 2016 | 23:23 Uhr

Ein tadelloser Beamter

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

„Er denkt und arbeitet selbständig. Die Stadt dürfte diese wertvolle Kraft nicht verlieren.“ Die Bewerbungsunterlagen des 26jährigen Wilhelm Pieper (verheiratet, ein Kind) aus Meyerich überboten sich an Komplimenten. Sogar der Oberbürgermeister Deter aus Hamm in Westfalen rühmte den Kandidaten: „Pieper ist solide. Seine inner- und außerdienstliche Führung ist ohne Tadel.“ In Wedel war man sich rasch einig. Etwas jung vielleicht für diesen anspruchsvollen Posten, aber ein Mann mit solchen Qualitäten passte vortrefflich in die Stadtverwaltung Wedels. Kurz und gut, am 1. November 1934 wurde Pieper als Stadtinspektor in feierlicher Zeremonie in sein Amt eingeführt. Dem Ansehen nach rangierte er jetzt gleich hinter dem Bürgermeister.

Schon bald bewährte er sich bei den Planungen zum neuen Rathaus. Der erste Spatenstich erfolgte im Oktober 1936. Doch plötzlich brach für Pieper die Welt zusammen. In fröhlicher Runde mit den Architekten des Rathauses, Walter Breckwoldt und Hermann Pikull, soll der Bürgermeister Dr. Ladwig geplaudert haben. „Diese Äußerungen sind ehrabschneidend und von so abgrundtiefer Gemeinheit, dass ich die mir nicht gefallen lassen kann“, beschwerte sich der gekränkte Pieper beim Landrat. Der Bürgermeister habe gelästert: „Pieper verkehrt jetzt regelmäßig bei Wulff und sucht Bekanntschaften zum .ögeln (Anmerkung des Autors: Anstandshalber wurde der erste Buchstabe weggelassen, der Rest des Wortes entspricht dem Zitat).“ Mehr noch, in jovialem Tone habe der Bürgermeister hinzugesetzt: „Ich saufe, aber Pieper hurt“, sowie: „Pieper kommt des Morgens 1/4 Stunde zu spät zum Dienst; mir erzählt er dann, er habe in Blankenese eine kurze Besorgung erledigt; in Wirklichkeit hat er die Nacht in Hamburg herumge.ögelt.“


Zeugen konnten sich an nichts erinnern


Die erwähnten Zeugen konnten sich an nichts erinnern. Der Bürgermeister war entsetzt. „Pieper stellte mir ein Ultimatum: Haben Sie das gesagt, Ja oder Nein. Falls Nein, ist die Sache erledigt, wenn ja, werde ich ein Disciplinarverfahren gegen mich beantragen und Sie verklagen. Da der Ton des Herrn Pieper von vornherein ungehörig war, erwiderte ich ihm, dass ich ihm überhaupt keine Antwort geben würde.“ Auch dem Landrat gegenüber schwieg sich Harald Ladwig aus. In Rücksprachen mit seinen Ratsherren hatte er unverzüglich, noch während der Bauarbeiten, den laufenden Vertrag mit dem Rathaus-Architekten Breckwoldt gekündigt, weil dieser „nach Angabe des Ortsgruppenleiters und anderer Persönlichkeiten Reden über mich geführt haben soll, die mich, wenn sie zutreffen, herabsetzen und z.T. als irre Reden zu bezeichnen sind.“

Das Urteil über den Beleidigten fiel nun differenzierter aus. Dessen dienstliche Tätigkeit sei zwar „bisher durchaus tadelsfrei“, aber die damaligen Einstellungsgründe bestanden darin, dass Pieper verheiratet war und eine „niedere Parteimitgliedsnummer (Mitglied der NSDAP seit 1931)“ vorweisen konnte. Alles in allem sei er ein „junger unausgereifter Beamter.“ Ist schon erwähnt worden, dass der Bürgermeister sechs Jahre älter war?     Fortsetzung folgt in

   der Ausgabe vom 13.Mai.

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erstellt am 04.Mai.2016 | 12:00 Uhr

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