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Wedel-Schulauer Tageblatt

08. Dezember 2016 | 12:59 Uhr

Wedel aus dem 3D-Drucker : Die Geschichte der Stadt zum Anfassen

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Turmhügelburg, Langhaus, Steinhaus: Detlef Winkel druckt fürs Stadtmuseum die Bauphasen der Hatzburg im 3D-Drucker aus.

Wedel | Dem Wedeler Stadtmuseum steht eine neue, spektakuläre Schenkung bevor: Die Hatzburg als Modell in ihren unterschiedlichen Entwicklungsphasen in 3 D-Drucker-Qualität. Museumsleiterin Sabine Weiss ist begeistert: „Das ist toll, da sieht man jede Holzfuge“, schwärmt die Fachfrau über die plastische Detailgenauigkeit der kommenden Miniaturen. Einen Prototyp der ersten Turmhügelburg hat sie bereits ansehen dürfen. Konstruiert, programmiert und gedruckt hat das Modell der Grafiker Detlef Winkel. Dessen Firma Winkel-Design – im vergangenen Jahr feierte das kleine Unternehmen 25-jähriges Bestehen – realisiert 3 D-Visualisierungen.

Da der Holmer leidenschaftlich gern experimentiert, lag es für ihn auf der Hand, sich mit der Anschaffung eines 3 D-Druckers Spielfelder zu suchen, um dessen Möglichkeiten auszuloten. „Mein Beruf besteht zu 60 Prozent aus Weiterlernen“, erklärt Winkel sein Selbstverständnis – und lacht. „Ich wollte am eigenen Leib erfahren: Was kann man damit machen.“ Als dem aktiven Musiker, der auch die Musikhappenings Almost Pop und Almost Rock organisiert, für einen Auftritt eine Halterung für seine kleine Gopro-Kamera fehlte, probierte er kurzerhand, sie auszudrucken. Das klappte. Filigraner Pferdeschmuck für den Tannenbaum, ein Wunsch seiner Familie, folgte. Und eben die Hatzburg: mit Palisadenuntergrund, Fundamentkonstruktion, Holzturm und Hügel zum aufklappen.

Winkel druckt im FDM-Verfahren. Aus einer Düse oben im Gerät spritzt dabei zähflüssiger Kunststoff auf eine Platte. Der Kunststoff basiert auf Milchsäure, ist daher kompostierbar, erklärt Winkel. Darauf legt er wert. Beim Druckvorgang fährt die untere Platte dicht unter den Kopf und nimmt die Kunststofflinien schichtweise auf. Die Daten dafür liefert ein programmierter Chip. Je nach Größe, Höhe und Volumen des Objekts beziehungsweise Düsendurchmesser und Schichtstärke dauert der Vorgang unterschiedlich lange. Für den Prototyp des Hatzburgturms benötigte der Drucker an die zwei Stunden, so Winkel, der Hügel dauerte sogar noch länger. Doch das mache nichts. Auch das Zuschauen bringe Spaß.

Detlef Winkel vor einer Computeranimation der frühen Hatzburg.
Detlef Winkel vor einer Computeranimation der frühen Hatzburg. Foto: Jacobshagen
 

Das Thema Burgen begleitet den Runduminteressierten bereits seit Jahrzehnten. Zuerst beschäftigte Winkel sich mit der Burg Hammershus auf Bornholm. Doch es gab ja auch hier vor der Haustür eine Burg, erinnerte sich Winkel – und stürzte sich darauf. Mit der Idee für ein interaktives computeranimiertes Spiel kreuzte er bei Museumsleiterin Weiss auf. Die war begeistert. Zwei Vitrinen mit Fundsachen aus der Hatzburg lagern in ihrem Haus. Sie zeigen Keramiken, Metall, Knochenfunde aus Essensabfällen und Glasscherben, die, weil Luxusgegenstand, auf einen gräflichen Haushalt hindeuten. Zudem dokumentieren drei große Schautafeln die Ausgrabungen. Alles interessant, aber nur bedingt tauglich, um Kinder und Jugendliche anzulocken. Da passte die Möglichkeit, die Hatzburg auf dem Touchscreen selbst aufzubauen ins museumspädagogische Konzept.

Doch Weiss bekam die nötigen Geräte nicht finanziert, die Idee starb. Die Computeranimationen konnte Grafiker und Multimediatalent Winkel jetzt für seine 3 D-Modelle allerdings weiterverwerten. Grundrisse, Höhenzüge, Vermessungen, alles ist eingegeben für den Modell-Druck. Was fehlt, sind letzte archäologisch-wissenschaftliche Erkenntnisse. Über die genaue Abfolge der Bauphasen beispielsweise. Das Fundament des Steinhauses liegt unter dem Hügel.

Winkel steht dafür mit dem Landesmuseum Schloss Gottorf in Kontakt. „Wir versuchen, den neuesten Forschungsstand herauszubekommen“, erklärt Weiss. Er möchte das Projekt auch irgendwann abschließen, bekennt der Holmer. Als Deadline hat er sich das Jahresende gesetzt.

HISTORIE Die Hatzburg

Die Hatzburg wurde um 1300 nordwestlich von Wedel in der Marsch direkt am Geestrand angelegt. Die damals feuchten und sumpfigen Marschflächen boten zu drei Seiten einen natürlichen Schutz, zur Geest hin bestand nur eine schmale Landverbindung. Dieser ideale Platz mit seiner guten Verteidigungsposition gewährte ausreichend Sicherheit für einen Herrschaftssitz der Schauenburger Grafen und versprach zugleich die Möglichkeit, eine der wichtigen Ochsenmarkttrassen zu nutzen und zu überwachen. Erst um 1400 wurde die Burg ihren Aufgaben nicht mehr gerecht, die Grafen zogen nach Pinneberg und die Hatzburg blieb drei Jahrhunderte lang Sitz der regionalen Verwaltung, der Vogtei Hatzburg,  bis sie ab 1710 – in dem Jahr brannte  das letzte Gebäude, ein „Beamtenhaus“ nieder – allmählich verfiel.

1964 bauten die Hamburger Wasserwerke in der Marsch eine Brunnenstation, deren Wasserentzug in der Folgezeit den Untergrund   absacken ließ. Dadurch wurden   Pfosten der alten Burganlage freilegt, die von Landwirten zunächst als störend empfunden und kurzerhand gekappt wurden. Grabungsarbeiten in den Jahren 1987 bis 1989 zeigten, dass es eine ältere und eine jüngere Burg gegeben hatte. Die ältere Burg war eine Motte (Turmhügelburg) und stand auf einem künstlich aufgeworfenen Erdhügel. Auf diesem befand sich vermutlich ein Turm aus Holz. Dieser wurde in einer späteren Bauphase abgebrochen und ein Bergfried (wehrhafter Wohnturm) aus Steinen errichtet. Rund um diesen Hügel gab es weitere Bauwerke, darunter eine Kapelle und eine etwa elf Meter lange Brücke.

 
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erstellt am 27.Apr.2016 | 14:00 Uhr

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