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Wedel-Schulauer Tageblatt

09. Dezember 2016 | 10:48 Uhr

„Das setzte eine Lawine in Gang“

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

gründerinnen Vor 30 Jahren öffnete das autonome Frauenhaus Wedel seine Türen / Alles begann mit einem Abstellraum

Seit 30 Jahren bietet das Frauenhaus Wedel Schutz und Hilfe für misshandelte Frauen. Ein Jubiläum, auf das nicht nur die Gründerinnen stolz sein können, sondern ebenso die Mitarbeiterinnen, der Träger- und der Förderverein sowie alle Unterstützer der Anlaufstelle. Im November 1986 öffnete die autonome Einrichtung ihre Pforten. Doch die Geschichte des Frauenhauses fing bereits viel früher an. Nämlich mit dem Wedeler Frauentreff, den politisch engagierte und aktive Wedelerinnen drei Jahre zuvor in der Mühlenstraße ins Leben riefen.

Der war Versammlungsraum, Kommunikationsort und Schaltzentrale für die Belange der Frauen in der Stadt – und erster sicherer Ort für eine von Gewalt bedrohte Einwohnerin. Neben dem Gruppenraum gab es eine kleine fensterlose Abstellkammer, da wurde ein Bett für die erste Schutzsuchende aufgestellt, erzählt Margit Ravn, Frau der ersten Stunde: „Und das setzte eine Lawine in Gang.“

Von Ärzten, städtischen Mitarbeitern und Anwälten wurde der Treff als Zufluchtadresse angegeben. Schnell war klar: Der Bedarf ist groß, ein Frauenhaus muss her. Der Planungsprozess dauerte dann noch zwei Jahre, erzählt Ravn. Haus, Einrichtung und Personal mussten gesucht, ein Konzept erstellt und ein Trägerverein gegründet werden. Das Haus sollte autonom arbeiten können, das war den Gründerinnen wichtig.

Jutta Stropahl, ebenfalls von Anfang an dabei, lacht bei der Erinnerung an die Vereinsgründung: „Wir waren ganz schön naiv“, bekennt sie in Hinblick auf das, was solch eine Aufgabe bedeutet. „Zwei Jahre nach der Eröffnung waren wir auf einer Jahreshauptversammlung – und gingen dann als Vorstand nach Hause“, sagt sie trocken. Mit kurzen Unterbrechungen sind Ravn und Stropahl bis heute ihrem Amt treu geblieben.

Sie steuerten das Haus auch durch die größte Krise, die sich vor sechs Jahren auftat. 2010 kündigte Kiel an, die Zuschüsse für die Wedeler Einrichtung zu streichen. Das Gebäude und die Ausstattung hatte vor 30 Jahren die Stadt zur Verfügung gestellt, den laufenden Betrieb jetzt finanzierte das Land.

Harte Arbeit und viele Gespräche mit Politik und Öffentlichkeit waren nötig, um 2012 mit Spenden zu überleben. „Unser Ziel war es immer, dieses eine Jahr zu überbrücken“, erläutert Mitarbeiterin Astrid Otto. „Wir wollten nie dauerhaft durch Spenden leben.“ Misshandelten Frauen Schutz zu gewähren, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, betont sie. Mit dem Regierungswechsel 2013 flossen die Zuschüsse wieder. Die jetzige Gesetzgebung des Landes sei vorbildhaft für ganz Deutschland, finden die drei Aktiven. Dafür, dass die Wedeler das Frauenhaus in der unsicheren Zeit so massiv unterstützten, sind alle sehr dankbar.

Das Wedeler Frauenhaus bietet in vier Zimmern Platz für 15 Frauen und Kinder. Der Bedarf ist hoch und steigt, sagt Otto. Ein größeres Haus mit mehr Zimmern wäre ein Traum, bekennt Ravn auf Nachfrage. „Wir gehören zu den kleinsten in Schleswig-Holstein“, erklärt Stropahl. Mitarbeiterin Otto würde sich neben einem Auto, für das zum Jubiläum Spenden eingeworben werden, Barrierefreiheit im Gebäude wünschen. „Frauen mit Einschränkungen sind massiv unter den Schutzsuchenden dabei“, erläutert sie.

Und worauf sind die drei im Rückblick stolz? „Dass wir in der schweren Zeit so zusammengehalten haben“ antwortet Ravn prompt. „Wir haben ein ganz tolles Team von Mitarbeiterinnen“, lobt sie. „Dass alle in Wedel uns so unterstützt haben“, betont Stropahl. „Und dass wir eine Diskussion in Gang gesetzt haben“, fügt Otto an. Der Kampf um den Erhalt habe deutlich gemacht, dass Gewalt nicht an Ländergrenzen endet.

Wer einen Blick in die verborgene Arbeit der Frauenhäuser werfen will, kommt am Mittwoch, 9. November, ins Rathaus. Das Wedeler Haus eröffnet dort um 19 Uhr eine Fotoausstellung, mit der das Jubiläum feierlich begangen werden soll. „Was mich immer bewegt“, berichtet Otto aus ihrem Arbeitsalltag, „ist mitzuerleben, wenn Frauen aus einer schweren Situation heraus den Weg in ein selbstbestimmtes Leben schaffen. Positive Rückmeldungen sind ein schöner Dank“, bekennt sie. 

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