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Wedel-Schulauer Tageblatt

04. Dezember 2016 | 13:28 Uhr

Mütterlichkeit als Ideal der Gesellschaft : Dagmar Margotsdotter spricht im Interview über ihr neues Buch und die patriarchale Welt

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Die Autorin hat „Am Herdfeuer – das Leben der matriarchalen Mosuo“, so heißt das neue Buch von Dagmar Margotsdotter-Fricke, in der Wedeler Stadtbücherei vorgestellt.

Wedel | „Am Herdfeuer – das Leben der matriarchalen Mosuo“ heißt das neue Buch von Dagmar Margotsdotter-Fricke, das sie in der Wedeler Stadtbücherei vorstellte. Einen guten Eindruck vermittelten außerdem in China entstandene Fotos und Filmaufnahmen. Weltweit sind nach Angaben der Kulturforscherin mehr als 150 matriarchale Gesellschaften bekannt, acht allein in Indien, wie die Khasi, Jaintias und Garos, die Minangkabau in West-Sumatra (rund zehn Millionen) und etliche Ethnien in China.

Die Wedelerin hat einige davon besucht und versucht nun, sie zu vernetzen. So ist sie bereits mit einer Frau aus West-Sumatra zu den Mosuo gereist und mit einer Mosuo wiederum nach Indien. Sie will damit den Gedankenaustausch ermöglichen und helfen, die matriarchale Welt zu erweitern und diese Lebensform in der patriarchalen Welt bekannter zu machen. Besondere Merkmale des Matriarchats sind der Respekt vor der Selbstbestimmung der Frauen und ihren Führungsqualitäten als Mütter, das Konsensprinzip in der Rechtsprechung, sowie der Vorrang sozialer Werte. Macht- und Gewinnstreben dagegen werden als Kulturlosigkeit betrachtet.

In ihrem Buch beschreibt sie das Leben der Mosuo, einem Volk in den chinesischen Provinzen Yünnan und Sechuan. Die dortige matriarchale Gesellschaft ist in Klans unterteilt, die ihre Abstammung über die mütterliche Linie ableiten, also matrilinear sind. Oberhaupt des Klans ist immer eine Frau. Es gibt keine Ehen, sondern die Frauen wählen frei ihre Männer, die für das Liebesleben und die gemeinsame Zeugung von Kindern wichtig sind. Zum Klan der Frau gehören diese Männer nicht – dagegen viele Onkel, Brüder und Söhne. Nur die Familie mütterlicherseits zählt, alle müssen durch eine gemeinsame Vorfahrin verbunden sein. So gibt die Autorin auch ihren drei Söhnen mit auf den Weg: „Das Wichtigste ist die Liebe zwischen Geschwistern.“

Frau Margotsdotter-Fricke, wie nehmen Sie unsere Gesellschaft wahr?
Dagmar Margotsdotter-Fricke: Patriarchal. Das sagt meines Erachtens genug. In unseren Kreisen sprechen wir von „patriarchös“. Das Patriarchat ist in diesem Sinne eine Krankheit, eine Psychose (Patriarchose), weil es ein kriegsorientiertes Gesellschaftssystem ist. Krieg aber ist dem Menschen nicht angeboren, auch wenn das bisher gern propagiert wurde.

Was möchten Sie mit Ihren Büchern erreichen?
Ich würde mir wünschen, dass durch meine Bücher empfunden werden kann, wie Menschen miteinander leben, die matriarchal sind. Wo Mütterlichkeit das Ideal aller ist, auch das der Männer: friedliebend, tolerant und füreinander sorgend. Die keinen Mord- und Totschlag kennen, keine Kriege, keine Altenheime, keine Scheidungswaisen. Vielleicht wird von der einen oder dem anderen dann unser patriarchales Gesellschaftssystem neu überdacht? Vielleicht wird dann die eine oder der andere dazu ermuntert, sich für lebendige, tatsächlich existierende matriarchale Lebensformen zu interessieren, in denen Herrschaft unbekannt ist.

Wie haben Sie die Mosuo entdeckt? Was zeichnet sie aus?
Seit Jahrzehnten gibt es eine moderne Matriarchatsforschung. Die erste Forschungswelle ging 1861 von dem Schweizer Juristen Johann Jakob Bachofen aus, welcher das „Mutterrecht“ schrieb. Diese Forschungsbewegung, zu der auch Sigmund Freud, Lou Andreas-Salome und „unser“ Ernst Barlach gehörten, wurde durch die zwei Weltkriege unterbrochen. In den achtziger Jahren entstand dann eine neue Forschungswelle, angeführt von mutigen Forscherinnen wie Heide Göttner-Abendroth und Christa Mulack. Da waren die Mosuo schon lange als matriarchal bekannt. Was sie auszeichnet? Ihr klassisches Matriarchat. Selbst die kanadischen Ureinwohner, alle 57 Stämme sind matrilinear, haben schon eine Delegation zu ihnen an den Lugu-See geschickt, um für ihre eigene Rematriierung zu lernen.

Wie viele Filme haben Sie bereits gemacht?
Seit 16 Jahren arbeite ich mit der Filmemacherin Uschi Madeisky zusammen, die gerade den Elisabeth-Selbert-Preis für die Dokumentation matriarchaler Gesellschaften und ihr Lebenswerk vom Land Hessen erhalten hat. Ich selbst habe fünf Bücher herausgebracht und erst 2012 angefangen zu filmen. An dem Film „Wo die freien Frauen wohnen“ wirkte auch die Filmerin Daniela Parr maßgeblich mit, mittlerweile die Dritte im. Gerade ist mein Film „Sturm-Wut-Frau. Der Weg der Künstlerin Ulrike Loos in die matriarchale Welt“ herausgekommen. Ulrike Loos ist eine erfolgreiche Blankeneser Künstlerin, die sehr verbunden ist mit der Matriarchatsforschung.

Welche neuen Film- und Buchprojekte gibt es?
Unser nächstes Filmprojekt ist die Dokumentation der Vernetzung matriarchaler Menschen weltweit, die ich mit der Kamera begleite. Die erste Hälfte des Films ist bereits fertig und kann schon gesehen werden. Mein nächstes Buchprojekt heißt: „Lilly Luft in der Flugschule“, ein kleines Buch für kleine Mädchen. Ich habe gerade letztes Jahr meinen Motorflugschein gemacht und dabei so lustige Sachen erlebt, dass ich diese gern an kleine Mädchen weitergeben möchte: zur Ermunterung, vielleicht selbst Pilotin oder Kapitänin zu werden.

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erstellt am 04.Okt.2016 | 16:15 Uhr

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