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Wedel-Schulauer Tageblatt

10. Dezember 2016 | 10:05 Uhr

An den Tasten ein Exzentriker

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

SHMF David Fray bearbeitet den Flügel im Rinderstall

Eins steht fest: Der französische Pianist David Fray ist ein außergewöhnlicher Musiker. Ein bisschen exzentrisch wirkt er, mit seiner ausgeprägten Gesichtsmimik, über das Klavier gebeugt, als hätte er etwas in der Tastatur verloren oder lässig zurückgelehnt und sinnierend in die Gegend schauend – während er spielt wohlgemerkt. Seine Musik ist preisgekrönt, davon konnten sich die Besucher des Schleswig-Holstein Musik Festivals (SHMF) am Dienstagabend in Haseldorf überzeugen.

Mit Fray ist das Festival, das dieses Jahr seinen 30. Geburtstag feiert, für Haseldorf nun zu Ende gegangen. Auf dem Programm standen Werke von Joseph Haydn, Johannes Brahms und Robert Schumann. Fray spielte auswendig, zum Teil mit einem sehr harten Anschlag. Dadurch traten ganz besonders die Kontraste in seinem Spiel hervor, aber auch die Melodielinien waren klar getrennt, was sich vor allem gut im temporeichen Presto-Satz von Haydns Sonate in As-Dur (Hob. XVI:46) machte. Für das Adagio des Wiener Klassikers hingegen machte Fray es sich auf seinem Stuhl – ja, Stuhl, nicht etwa Klavierhocker – bequem, eine Hand auf dem Schoß: Haydn zum Chillen.

Die klaren Linien traten auch in Brahms’ Variationen über ein Thema von Robert Schumann (op. 9) hervor: Der Pianist kitzelte so jeweils die teils kanonischen Melodieeinsätze heraus, von der obersten Stimme bis in den Bass. „Daß [Du] dich in contrapunctische Studien vertieft, davon that jede Variation Kunde. Wie innig, wie eigenthümlich klingt mit Meisterausdruck, wie genial jede“, kommentierte seiner Zeit der Widmungsträger Schumann Brahms’ komplexe Komposition. Dieser hatte sie ihm als Tröstung zukommen lassen – denn Schumann saß nach einem Selbstmordversuch in der „Anstalt für Behandlung und Pflege von Gemütskranken und Irren“ ein, wie das Programmheft skandalfreudig informierte.


Schnelle Wechsel in Tempo und Dynamik


Fray präsentierte schnelle Wechsel in Tempo und Dynamik, von extrem laut bis kaum hörbar, von lähmend langsam bis höllisch schnell. Diese Extreme bestimmten auch Frays Interpretationen der beiden letzten Stücke des Abends: Brahms’ Fantasien (op. 116) und Schumanns Novellette (op. 21 Nr. 8). Fray griff so energisch in die Tasten, dass der Flügel sogar zu ächzen anfing und in der Pause eine schnelle Reparatur versucht wurde – doch vergebens: Vor allem die Ausbrüche der beiden Romantiker ließen Fray zum Schluss fast vom Stuhl hüpfen und den Flügel knarzen. Er erntete für seine Performance langanhaltenden Applaus und schickte das Publikum zum Dank mit mehreren Zugaben nach dem letzten Konzert im SHMF-Jubiläumsjahr nach Hause.

 

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