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Wedel-Schulauer Tageblatt

09. Dezember 2016 | 16:41 Uhr

Alte Musik – wunderbar lebendig

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Auftakt Grass-Texte und Werke aus dem 17. Jahrhundert: Gelungenes Gründungskonzert der Johann-Rist-Gesellschaft

Mit der musikalischen Lesung „Das Treffen in Telgte – den Frieden dichten“ hat sich die im vergangenen Jahr gegründete Johann-Rist-Gesellschaft in der Immanuel-Kirche vorgestellt. In ihren Begrüßungsreden hoben Probst Thomas Drope, der Direktor des Johann-Rist-Gymnasiums Bertram Rohde wie auch der Vorsitzende der Gesellschaft, Matthias Dworzack, die Verdienste Rists als Universalgelehrter hervor. Ehrende Bezeichnungen für den berühmten Wedeler Pastor seien „Fürst der Poeten“ oder „Daphnis aus Cimbrien“ gewesen. Die neu gegründete Gesellschaft habe es sich zur Aufgabe gemacht, das Erbe Rists lebendig zu halten.

Johann Rist gilt neben Paul Gernhardt als der bedeutendste protestantische geistliche Dichter des 17. Jahrhunderts. Er trat in zahlreichen weltlichen und geistlichen Gedichten für ethische und moralische Ideale ein und sowohl Briefwechsel als auch Schriften zeugten von seinem politischen Engagement. Im Wedeler Stadtarchiv befindet sich eine umfangreiche Sammlung seiner Schriften.


Sopranistin setzt Glanzlichter


In dem von Dworzack konzipierten Programm wurden ausgewählte Textpassagen aus der Novelle von Günter Grass „Das Treffen in Telgte“ mit Musik des 17. Jahrhunderts kontrastiert. Mehrere der Liedtexte stammen von Johann Rist. Während der künstlerische Leiter des Theater Wedel, Günter Hagemann, die amüsanten und aufschlussreichen Texte in Hochdeutsch und Platt rezitierte, intonierten das Barockensemble Schirokko aus Hamburg, die Cimbrische Cantorey aus Wedel und die vier Solisten, die Alte Musik.

Unter der Leitung von Dworack wurden die barocken Kompositionen von Claudio Monteverdi, Heinrich Schütz, Heinrich Albert, Johann Crüger und Michael Jacobi wunderbar lebendig. Sowohl dem Ensemble Schirokko als auch der Cimbrischen Cantorey und den vier Solisten Ina Siedlaczek, Beat Duddeck, Florian Sievers und Bernd Leo Treumann gelang es, den Klang der vergangenen Zeit herbeizuzaubern. Glanzlichter setzte immer wieder die Sopranistin mit ihrer glasklaren, perlenden, präsenten Stimme.

Überraschend forderte Dworzack zwischendurch die Zuhörer auf, den Refrain und sogar ein ganzes Lied mitzusingen. Das Angebot wurde vielstimmig angenommen, ein Zeichen der insgesamt entspannten, gut gelaunten Atmosphäre sowohl im Publikum als auch auf der Bühne.

Was können Dichter und Musiker dazu beitragen, Frieden zu stiften und ein Land wieder aufzubauen? Dieser Frage, die auch für Johann Rist so wichtig war, geht Günter Grass in seinem Roman „Das Treffen in Telgte“ nach. Darin debattieren am Ende des 30-jährigen Krieges bedeutende Barock-Schriftsteller, zu denen auch der politisch ambitionierte Rist gehörte, mit dem Leiter der Dresdner Hofmusik und Komponisten Heinrich Schütz über das Verhältnis von Wort, Musik und Macht. Inmitten der Not, Zerstörung und moralischen Verfalls streiten sie lebhaft auf Hochdeutsch und Platt darüber, wie der kulturelle Niedergang verhindert werden könne. Ihr Mut machendes, damals wie heute aktuelles Credo ist das Bekenntnis zur Freiheit der Sprache in Wort und Schrift: „Und wenn man sie steinigen, mit Hass verschütten wollte, würde noch aus dem Geröll die Hand mit der Feder ragen.“



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