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Sylter Rundschau

26. März 2017 | 05:33 Uhr

Telefonseelsorge Sylt : „Wir tun Gutes und reden nicht darüber“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Im Interview spricht Morsums Pastor Ekkehard Schulz, Leiter der Telefonseelsorge, über Schreckens-Szenarien und Anonymität.

Wo sich die Wohnung der Telefonseelsorge Sylt befindet, wissen nur wenige Menschen auf der Insel. Hier steht das Telefon, unter dessen Nummer Menschen anrufen, die jemanden zum Zuhören brauchen. Vor genau 30 Jahren haben die ersten Sylter nach ihrer Ausbildung zum Telefonseelsorger die ehrenamtliche Arbeit aufgenommen. Zuerst stundenweise, dann am Wochenende und schließlich, je mehr Absolventen dazukamen, konnte das Angebot kontinuierlich ausgebaut werden. Heute sind 365 Tage im Jahr auf der Insel Ansprechpartner unter den Nummern 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222 zu erreichen.

Im Interview spricht Pastor Ekkehard Schulz, der Leiter der Sylter Telefonseelsorge, über Tragödien, Anonymität und seinen Respekt für die Mitarbeiter.

Pastor Ekkehard Schulz hat seine Ausbildung zum Telefonseelsorger 1995 gemacht. Seit 2008 ist er der Leiter der Telefonseelsorge auf Sylt.
Pastor Ekkehard Schulz hat seine Ausbildung zum Telefonseelsorger 1995 gemacht. Seit 2008 ist er der Leiter der Telefonseelsorge auf Sylt. Foto: Fleischmann
 

Herr Schulz, wie ist die Telefonseelsorge auf Sylt vor 30 Jahren entstanden?

Der damalige Leiter des Vorgängers des Beratungszentrums Sylt, Achim Fritsche, hat 1987 ein, wie es damals hieß, „Sorgentelefon“, auf der Insel geschaffen. Es war einerseits für die Sylter gedacht, aber auch für die immer weiter zunehmende Zahl der Gäste. Denn Urlaubszeiten sind auch Krisenzeiten, in denen die Menschen einen Ansprechpartner brauchen. Achim Fritsche wollte das Sorgentelefon aber nicht alleine machen und hat angefangen, Sylter zu Telefonseelsorgern auszubilden.

Wo sitzen seitdem auf Sylt die Menschen, die die Anrufe entgegen nehmen?

Diese Antwort kann ich Ihnen nicht geben. Denn es gibt eine Maxime, eine große Säule, die die Telefonseelsorge trägt, und das ist die Anonymität. Diese ist enorm wichtig, auch damit während des Telefonats eine Beziehung zwischen Anrufer und Mitarbeiter entstehen kann.

... und diese Anonymität ist beidseitig und außerdem auf das ganze Ehrenamt bezogen?

Genau. Über ein Telefonat wird nach Ende der Arbeit nicht mit Außenstehenden gesprochen. Das ist eine gewisse Diskrepanz zu dem immer so hochgehandelten „Tue Gutes und rede darüber“. Aber das können unsere Mitarbeiter nicht. Sie können nicht abends in einer Runde erzählen, was sie in ihrem Dienst am Telefon gehört haben. Das geht nicht, zum einen gegenüber dem Anrufenden, aber auch nicht für die eigene Integrität. Wir tun Gutes und reden nicht darüber. Das birgt natürlich auch Schwierigkeiten, aber die Sinnhaftigkeit des Ganzen ist enorm und das ist für alle Beteiligten ein Geschenk.

Ist es wichtig, dass es bei der Telefonseelsorge lokale Ansprechpartner gibt?

Ganz klar: Ja! Die beiden Nummern, die man deutschlandweit anrufen kann, werden von der Telekom geroutet. Das heißt, sie werden in genau die Dienststelle geleitet, die dem Anrufer am nächsten ist. Dahinter steckt der Gedanke, dass regionale Besonderheiten tatsächlich auch nur in der Region Besonderheiten sind. Wenn also jemand aus Sachsen hier anrufen würde, dann wäre da nicht nur eine sprachliche Diskrepanz, sondern wir kennen uns auch nicht mit den Gegebenheiten in den lokalen weiterführenden Hilfeeinrichtungen aus. Deswegen sind alle 105 Dienststellen dezentral geschaltet.

Wo leben die Anrufer, die nach Sylt geleitet werden?

Der Bereich, den Sylt inzwischen bearbeitet, zieht sich über die gesamte Westküste und den Bereich zwischen Flensburg und Kiel.

Und wer nimmt die Anrufe auf der Insel entgegen?

Derzeit sind das 44 Mitarbeiter, die ehrenamtlich in der Telefonseelsorge arbeiten. Die brauchen wir auch, um ein stetes Besetzen des Telefons gewährleisten zu können. Wir haben immerhin 365 Tage Dienst – in zwei Schichten– um dieses Angebot hochhalten zu können. Wir bearbeiten diesen geografischen Raum gemeinsam mit der Telefonseelsorgestelle in Kiel. Die sind für die restliche Tageszeit erreichbar, sodass es eine rundum Abdeckung für die Anrufer gibt.

Ist es denn schon passiert, dass sich Anrufer und Mitarbeiter kennen?

Das ist, soweit ich weiß, in den ganzen 30 Jahren nicht einmal passiert.

Gibt es Tages- oder Jahreszeiten, zu denen die Menschen vermehrt anrufen?

Inzwischen klingelt das Telefon eigentlich permanent. Allein auf Sylt haben wir 7700 Anrufe im Jahr, das zeigt uns auch die hohe Bedeutung dieses Angebots. Dennoch hat uns die Erfahrung gelehrt, dass es bestimmte Zeiten gibt, sowohl Tages- als auch Jahreszeiten, in denen das Bedürfnis der Menschen nach einem Gespräch größer ist. Wenn zum Beispiel die Geschäfte und Arztpraxen schließen, wenn sich der Tag verabschiedet und die Einsamkeit zunimmt. Das gleiche gilt für den jahreszeitlichen Ablauf: Wenn die Tage kürzer und dunkler werden gibt es vermehrt Anrufe.

Wie geht man als Mitarbeiter der Telefonseelsorge mit den teilweise sehr heftigen Problemen der Anrufer um?

Natürlich gibt es manchmal echte Tragödien, die uns am Telefon geschildert werden. Allerdings sind die meisten Anrufe geprägt von Alltagskrisen. Da ist ganz oben das Alleinsein, Lebenskrisen, Drogen und dergleichen. In diesen Situationen bieten unsere Mitarbeiter dem Anrufer ein Gegenüber an.

Und in einem wirklichen Schreckens-Szenario?

Bei Suizid, Missbrauch oder anderen Tragödien, die das Leben manchmal schreibt, lernen unsere Mitarbeiter in der Ausbildung, bei Weiterbildungen und in der Supervision, thematisch vorbereitet zu sein. Sie können seelsorgerlich und auch mit Empathie mit dem Anrufer umgehen, aktiv zuhören und ihn an eine Einrichtung weiterverweisen.

Wie wird man auf Sylt Telefonseelsorger?

Die Ausbildung ist sehr fundiert und dauert etwa ein dreiviertel Jahr. Das ist aber auch notwendig, denn die Probleme, die sich hinter jedem Telefonklingeln verbergen, sind ganz unterschiedlich. Deshalb werden unsere Mitarbeiter permanent aus- und weitergebildet. Auch, weil sich der Gebrauch der Telefonseelsorge immer ändert. Die letzte wirklich große Veränderung hatten wir, als das Smartphone Einzug in die Gesellschaft gehalten hat. Aus jeder Situation und an jedem Ort wird inzwischen telefoniert, nicht mehr nur vom Festnetz. Außerdem kamen auf einmal ganz andere Altersgruppen dazu: Jugendliche haben mit ihren Problemlagen plötzlich den Weg zu uns gefunden.

Wieviel Zeit verbringt ein Mitarbeiter am Telefon?

Das sind zwei Mal vier Stunden im Monat. Und mein Respekt vor den Mitarbeitern der Telefonseelsorge ist enorm. Sie schenken nicht nur ihre Zeit, sondern weit mehr: Sie schenken für diesen Zeitraum sich mit ihrer ganzen Persönlichkeit. Danach gehen sie wieder auf ihre Arbeit oder zu ihrer Familie und sind Teil der insularen Gesellschaft. Daher ziehe ich meinen Hut voller Respekt vor diesem Einsatz. In der Zeit, in der sie vor dem Sorgentelefon sitzen und die Anrufe annehmen, verbessern sie ein Stückchen die Welt – oder verändern sie zumindest.

Wird es am Samstag eine kleine Feierstunde zum 30. Jubiläum geben?

Ja. Wir haben lange überlegt, ob wir die Feier öffentlich machen sollen, sind dann aber dabei geblieben, unter uns zu feiern. An diesem Tag tun wir mal nichts für andere, sondern wir tun nur etwas für uns.

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erstellt am 18.Mär.2017 | 05:31 Uhr

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