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Sylter Rundschau

17. Januar 2017 | 03:55 Uhr

Heiner Geißler auf Sylt : „Wir müssen als Christen eine andere Antwort geben“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Heiner Geißler begeisterte im ausverkauften Kaamp-Hüs mit seinen Thesen zu Kirche, Politik und Gesellschaft.

Sein Alter macht den Umgang mit ihm milder. Heiner Geißler, ehemaliger Bundesminister und Generalsekretär der CDU, ist inzwischen 86 Jahre alt und wird von den Besuchern im vollbesetzten Kaamp-Hüs begeistert empfangen. Das war nicht immer so, der Pfälzer war während seiner politischen Laufbahn jemand, der stark polarisierte, weil er seinen Mund nicht gehalten hat und auch vor extremen Positionen nicht zurückschreckte. Noch heute vertritt Heiner Geißler pointiert seine Meinungen, spricht frei, überzeugend und nachvollziehbar über die Notwendigkeit der Einigung der katholischen und evangelischen Kirchen, um eine ethische Grundlage und damit mehr Durchsetzungskraft für politische Fragen zu haben. „Was müsste Luther dazu sagen?“ ist der Titel seines 2015 erschienenen Buches und souverän zeigt der ehemalige Jesuitenschüler auf, wie aktuell christliche Fragestellungen in unserem heutigen Leben sind, obwohl die Institution Kirche mit sinkenden Mitgliedszahlen zu kämpfen hat.

Dem schamlosen Ablasshandel der katholischen Kirche im 16. Jahrhundert, der den Reformator Martin Luther zum Verfassen der 95 Thesen und damit letztlich zur Gründung der evangelischen Kirche trieb, lag damals die Frage nach der Finanzierung der Kirche zugrunde. Die Frage nach dem Geld bestimme bis heute das Handeln, die globalisierten Märkte verhinderten durch Gier, Geiz und Profitstreben eine humane Wirtschafts- und Friedensordnung. So gehöre Afrika zu den reichsten Kontinenten der Welt, werde aber durch zehn internationale Konzerne ausgebeutet. Auch die Gleichberechtigung der Frauen sei bis heute nicht vollzogen, noch immer werden – auch in Deutschland – Mädchen beschnitten und die katholische Kirche hinke in der Entwicklung der Gleichberechtigung 500 Jahre hinterher.

Heiner Geißler verweist auf den Apostel Paulus, der in dem Glauben, die Hoffnung und vor allem die Liebe den gemeinsamen christlichen Weg für durchsetzbare Lösungen gesehen hat, und fordert dazu auf zu erkennen, dass wir die Nächsten seien für diejenigen, die in Not sind. Luther würde nach Ansicht Geißlers zu diesen Themen auch heute nicht schweigen, sondern auf Augenhöhe die Diskussion um gelebte ethische und christliche Werte beginnen.

Rund eineinhalb Stunden folgte das Publikum den Ausführungen von Heiner Geißler mit spürbarer Konzentration. Szenenapplaus und verbale Zustimmung machten deutlich, dass es dem ehemaligen Leidenschaftssportler gelungen war, komplizierte christliche und ökonomische Sachverhalte zu vermitteln, ohne intellektuell zu überfordern oder gar zu langweilen.

Im Gespräch mit dem Journalist Werner Rudi wurden die Fragen gestellt, die jeder Geißler-Kenner im Kopf hatte: Auf die Frage nach dem Kontakt zu Helmut Kohl, einer Freundschaft, die der Macht geopfert worden sei, wollte Geißler zunächst nicht antworten, sagte dann aber, dass die Einheit Deutschlands nicht dem damaligen Bundeskanzler, sondern den Menschen zu verdanken wäre. Zu der Aussage Willy Brandts, der Geißler 1985 als „schlimmsten Hetzer seit Goebbels“ bezeichnet hatte, gab der am längsten amtierende Generalsekretär der CDU zu, hiervon sehr betroffen gewesen zu sein. Weiter berichtete Geißler von seiner Aufgabe als Schlichter bei dem Projekt Stuttgart 21 und schloss den Abend mit der Aufforderung, ethischen Werten wieder mehr Geltung zu verschaffen, um der Gefahr des vernichtenden Kapitalismus vorzubeugen. Ein Mensch dürfe nicht als bloßer Kostenfaktor betrachten werden, sondern im christlichen Glauben als Nächster, der geliebt werden sollte – das sei die Antwort, die Christen geben müssten und die Luther heute fordern würde. 

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erstellt am 23.Jul.2016 | 05:39 Uhr

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