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Sylter Rundschau

10. Dezember 2016 | 04:17 Uhr

Sylter Hospizverein : „Wir hören zu, stärken, unterstützen“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Am Sonnabend feierte der Sylter Hospizverein sein 20-jähriges Bestehen / Bewegendes Theaterstück zum Abschied vom Leben aufgeführt

„Gut, dass es Sie gibt!“ Mit diesen Worten sprach Bürgervorsteher Peter Schnittgard wohl allen Anwesenden aus der Seele. Gerade auf Sylt mit seinen wirtschaftlichen und touristischen Zwängen spiele das Thema „Keine Zeit, überhaupt keine Zeit“ leider eine erhebliche Rolle. Umso dankbarer müsse man sein, dass es auch hier Menschen gäbe, die „sich Zeit für uns nehmen und uns begleiten, wenn wir von Trauer und Angst umgeben sind.“ Schnittgard wünschte dem Hospizverein weiterhin viel Kraft und dass mit „Stolz und einem Lächeln im Gesicht“ der 20. Geburtstag gefeiert würde. Dies gelang im Alten Kursaal außerordentlich gut. Dr. Herrmann Ewald vom Hospiz- und Palliativverband Schleswig-Holstein und Christel Tychsen vom Wilhelminen-Hospiz in Niebüll sprachen herzliche Grußworte und Gratulationen aus.

Im Anschluss stellten die Sylter Hospizler ihre Arbeit vor. Diese ist viel komplexer, als mancher denken mag. Sie begleiten Menschen, deren Leben sich dem Ende neigt. Ebenso stehen sie den Angehörigen bei – wenn erwünscht, auch nach dem Tode eines geliebten Menschen. „Die Trauer hört nicht auf, sie verändert sich nur“, erklärte Ulrike Körbs, die Koordinatorin des Vereins. „Wir hören zu, stärken, unterstützen, lassen uns dabei ganz auf den Menschen ein. Ein Patentrezept gibt es einfach nicht. Jeder geht anders mit seiner Trauer um.“

Dies betonte auch Margot Mehn, Trauerbegleiterin für Kinder und Jugendliche: „Man muss versuchen, gemeinsam mit den betroffenen Kindern einen Weg zu suchen, wie sie mit der Trauer umgehen. Oft sind sie froh, dass sie mit mir ganz unbefangen reden können, weil ihr familiäres Umfeld höchst emotional reagiert und jeder sehr mit sich selbst beschäftigt ist.“ Um Kraft zu schöpfen, bräuchten gerade Kinder kleine Fluchten aus der Trauer, das könne für den einen Spiel und Sport sein, für den anderen der Besuch beim geliebten Pony, jeder fände woanders Trost und Ablenkung.

Einen nachhaltigen Eindruck unter den Gästen hinterließ auch Monika Müller. Mit ihrem Vortrag „Welche Haltung braucht die Hospizarbeit?“ zog sie alle schnell in ihren Bann. Manch einer gab hinterher zu, das Thema Tod oft verdrängt zu haben: Nach diesem Vortrag jedoch würde sich das ändern. Monika Müller hätte das ernste Thema mit einer Leichtigkeit vorgetragen, dass man seine Scheu verliere, selbst mehr über das Sterben und das Leben nachzudenken und letzteres so anzunehmen, wie es ist.

Das erste und das letzte Wort während der Festveranstaltung hatte der Vorsitzende des Hospizvereins, Bernd Redlin. Er freute sich sehr über das gelungene „Geburtstagsfest“ und genoss insbesondere zum Abschluss die Vorführung des Galli Theaters aus Berlin: „Ich habe das Stück schon dreimal gesehen“, erklärte Redlin bewegt. „Und jedes Mal nehme ich wieder neue Dinge wahr.“ Kein Wunder, denn die Schauspieler Marion Martinez und Rainer Eckhardt überzeugten vom ersten bis zum letzten Satz. „Ich sehe, was ich getan habe, ich sehe, was ich nicht getan habe, und das ist mehr.“ So beginnt die szenische Geschichte. „Herr Doktor, ich habe vom Sterben geträumt“, erklärt die Frau verängstigt. Er erklärt ihr die verschiedenen Phasen des Sterbens: Nicht wahrhaben wollen, Zorn, Handeln (was ich schon immer mal machen wollte), Depression und zuletzt das Schicksal in Würde annehmen.

„Aber ich hab doch Angst“, ruft sie. Der Arzt erklärt, das bräuchte sie nicht. „Es gibt doch die Palliativmedizin und die Menschen des Hospizvereins. Du bist in guten Händen.“ Dann kommt der Clown: „Clowns werden ausgelacht, für dumm und gescheitert gehalten“, sagt er. „Wir nehmen unser Scheitern aber gelassen an. Am Ende des Lebens steht auch immer ein Scheitern, denn man muss akzeptieren, dass man Versäumtes nicht aufholen kann.“

„Bist du gekommen, um mich zu holen?, fragt die Frau. Der Clown bejaht. „Aber was kommt denn nach dem Leben?“ – „Es kommt genau das, was du denkst, was kommt“, lautet seine Antwort. Und sie lehnt sich an ihn und es ist gut. So hört die Geschichte auf. „Szenen am Lebensende“: bewegend, traurig und zwischendurch auch total lustig. So wie im echten Leben. Schließlich erfahren auch die Sterbe- und Trauerbegleiter nicht nur Trauer und Verzweiflung, sondern auch Freude und Dankbarkeit. Es dreht sich bei ihrem ehrenamtlichen Einsatz ja nicht allein darum, dass man irgendwann gehen muss. Sondern vielmehr darum, dass man bis zur letzten Minute seines Lebens lebt.



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