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Sylter Rundschau

05. Dezember 2016 | 15:42 Uhr

Neue Plage : Wildkaninchen auf Sylt: Wenn aus Golfbunkern Schweizer Käse wird

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Seit der frühen Neuzeit leben Wildkaninchen in Deutschland. Selbst Seuchen bremsen die Verbreitung der Hoppler auf der Insel nur bedingt.

Westerland | Seit Jahren treiben die niedlichen Gesellen auf Sylt ihr Unwesen: Kaninchen prägen das Bild der Insel, ob abends auf Wiesen oder Spielplätzen, am frühen Morgen auf dem Golfplatz oder auf dem Weg zum Strand in den Dünen – sie zu übersehen, ist beinahe unmöglich. Dass die als Haustiere beliebten Tiere auf der Insel Bäume anfressen, unter Gehwegplatten buddeln und sich am Kohlbeet bedienen, ist nichts Neues. Die Jäger auf der Insel beklagen jetzt allerdings eine krasse Zunahme der kleinen Nager, deren Population scheinbar auch durch die Kaninchenpest (Myxomatose) nicht eingedämmt wird. Begünstigt wird die Ausbreitung der Tiere offenbar auch dadurch, dass die Jagdsaison auf der Insel vor zwei Jahren von einer ganzjährigen Erlaubnis auf drei Monate verkürzt wurde.

„Das Wildkaninchen ist überall – ich habe das Gefühl, sie werden immer mehr“, sagt Wiebke Bleicken, Obfrau für Öffentlichkeitsarbeit des Sylter Hegerings. Anhand von Zahlen könne man das allerdings nicht belegen, denn zählen kann die ebenso flinken wie possierlichen Tiere mit den Knopfaugen niemand. Auf bis zu mehrere Hunderttausend schätzen manche die Anzahl der Tiere. Seit einigen Wochen werden auf Sylt wieder vermehrt Kaninchen mit entzündeten Augen und Ödemen am ganzen Körper gesehen – sie sind von der Myxomatose befallen, sagt die Jägerin. Die Tiere erblinden, werden taub, verlieren die Witterung und verhungern meist nach 10 bis 14 qualvollen Tagen. „Mir tut es leid für die Tiere – ich finde das ganz schrecklich, aber das ist die Natur“, betont Bleicken. Ein Teil der Population würde durch den Virus eingedämmt, allerdings „längst nicht so viele Tiere wie früher“, so dass die Überpopulation bestehen bleibe. Das könne auch durch die milden Winter begünstigt worden sein, die dazu führen, dass der Krankheitserreger überlebt.

Was ist Myxomatose?

Die Myxomatose (Kaninchenpest) ist eine Viruserkrankung, die fast ausschließlich unter Haus- und Wildkaninchen auftritt. Die Übertragung findet am häufigsten durch Insekten wie Stechmücken und Flöhe statt. Eine erhöhte Insektenpopulation in feuchtwarmen Sommern und im Herbst führt zu einem gehäuften Auftreten der Erkrankung in diesen Jahreszeiten. Ferner kann das Virus mit der Äsung sowie von Tier zu Tier übertragen werden.

Das ursprünglich aus Südamerika stammende Myxomatosevirus ist in ganz Mitteleuropa verbreitet. In Europa wurde es 1952 durch Paul-Félix Armand-Delille eingeführt. Nach einer Inkubationszeit von drei bis neun Tagen treten die ersten Symptome auf. Das Kaninchen wirkt apathisch, zeigt Fressunlust und trinkt wenig. Beim akuten Verlauf treten Schwellungen und Entzündungen im Bereich der Augenlider, des Mundes, der Ohren, der Lippen und des Genitalbereiches auf. Die Krankheit endet meistens mit dem Tod. Weitere Infos: www.hegering-sylt.de

Krankheit kann nicht auf Menschen übertragen werden

Während die Sylter Tierärztin Ivonne von Kobilinski 2014 noch 52 kranke Tiere einschläfern musste, die Menschen zu ihr in die Praxis gebracht hatten, waren es im vergangenen Jahr 64. Hauskaninchen können gegen den Virus geimpft werden, das sei – auch aufgrund der großen Zahl – bei Wildkaninchen nicht möglich, heißt es von der Expertin. Eine Bedrohung für den Menschen durch die Übertragung von Krankheiten durch die Wildtiere bestehe jedoch nicht.

Das bestätigt auch Thomas Diedrichsen, stellvertretender Hegeringleiter auf Sylt. „Theoretisch sind die Tiere – trotz Krankheit – sogar noch essbar“, sagt er. Das würde allerdings niemand tun, denn die verendeten Kaninchen seien meist stark abgemagert. Das Problem sei, dass die Kaninchen in die Vegetation eingreifen, erklärt Diedrichsen. Früher seien mehr Tiere an den Krankheiten gestorben, inzwischen seien einige jedoch resistent gegen den Erreger. Die Chinaseuche, oder auch die Myxomatose sowie natürliche Fressfeinde wie Habicht, Fuchs, Marder, Haushunde und Katzen, reichen demnach nicht aus, die Population in Schach zu halten.

Das bekommen die Menschen auf der Insel zu spüren: Auf den Golfplätzen treiben die hungrigen Nager ihr Unwesen. Besonders schlimm ist es im Golfclub in Morsum. „Das ist eine Katastrophe hier bei uns und es wird jedes Jahr schlimmer“, sagt Greenkeeper Jens-Uwe Jessen. Die Bunker sähen aus „wie ein Schweizer Käse“ – durchlöchert von den Bauten der Nager, die zu Tausenden auf dem Platz lebten. Täglich sei er damit beschäftigt, die Höhlen wieder dicht zu machen.

Den Grund für die stete Zunahme der Tiere sieht auch er in der Einschränkung der Jagdzeit. 2014 ist die Jagdsaison von einer ganzjährigen Erlaubnis, auf drei Monate (1.10. bis 31.12.) beschränkt worden. „Ich kann nichts dagegen machen, nur die Schäden beseitigen“, sagt Jessen. Ebenso geht es dem Greenkeeper des Golf-Club Sylt (GCS) in Wenningstedt. Zuletzt hatte es hier sogar Verletzte gegeben, als Spieler in die Löcher getreten waren, sagt Christian Sönnichsen.

Tunnel sind Gefahr für Inselgäste

Dass die schier endlosen Tunnel eine Gefahr für die Gäste darstellen, bestätigt auch ein Appartementvermieter. Die Tiere würden alles anfressen und die Gehwegplatten unterbuddeln, sagt er. „Es sind auf jeden Fall mehr geworden - das ist extrem auffällig.“ Allerdings gehören die Kaninchen für ihn zu Sylt – und die Feriengäste fänden die pelzigen Gesellen liebenswert.

Auch Biobauer Eckehard Volquardsen vom Erdebeerparadies in Braderup bemerkt die kleinen Säugetiere auf seinem Hof. „Die Myxomatose und Chinaseuche sind jetzt wieder da und haben stark zugeschlagen“, sagt er. Allerdings sei die Kaninchenpopulation auf seinem Gelände seit Anfang Juni dadurch „deutlich dezimiert“ worden und der Bestand jetzt auf einem für ihn „erträglichem Maß“. Mit so genannten Zwischenbepflanzungen verhindert Volquardsen zudem, dass die Tiere an seinen Kohl gehen.

Viel tun kann man gegen die Karnickel nicht, da sind sich die Experten auf der Insel einig. Wer allerdings Hunde und Katzen zu Hause hat, der kann sich glücklich schätzen, denn diese mögen die Nager nicht und bleiben dann lieber fern.

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erstellt am 05.Sep.2016 | 04:48 Uhr

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