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Sylter Rundschau

08. Dezember 2016 | 03:08 Uhr

Lesung auf Sylt : Wie ein Sylter den Absturz der Hindenburg überlebte

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Die Hamburger Journalistin Maiken Nielsen liest morgen aus ihrem Roman „Und unter uns die Welt“ – die Geschichte ihres Sylter Großvaters, der den Absturz der Hindenburg überlebte.

Die Geschichte nimmt auf Sylt ihren Anfang: Schon als kleiner Junge will der in Westerland aufwachsende Christian Nielsen nur eins: Fliegen lernen. Aber die Nielsens sind arme Inselbewohner, und als sein Vater im Ersten Weltkrieg fällt, ist sein Traum vom Fliegen vollends unerreichbar. Als Nachfahre der Sylter Seefahrer-Familie Lassen heuert er auf einem Schiff an und wird Seemann, lässt seinen Traum vom Fliegen aber nie aus den Augen – bis dieser in den dreißiger Jahren endlich in Erfüllung geht: Er wird Navigator des berühmten Luftschiffs „Graf Zeppelin". Der Zufall macht es schließlich möglich, dass er am 3. Mai 1937 an Bord des Luftschiffs nach Amerika reisen soll und damit das Unglück der Hindenburg erlebt, dass das Ende der Verkehrsluftschifffahrt einläutete. Die Hamburger Journalistin Maiken Nielsen erzählt die Zeppelin-Ära anhand der Lebensgeschichte ihres Großvaters, eben dieses Sylters Christian Nielsen. Morgen Abend ist sie für eine Lesung um 19 Uhr im Kulturhaus Sylt, Friesensaal Keitum (Am Tipkenhoog 14a) zu Gast. Karten zum Preis von 17 Euro (Abendkasse 19 Euro) sind an allen Vorverkaufsstellen erhältlich. Im Interview spricht sie über ihren Großvater, wie er den Absturz der Hindenburg überlebte und über ihre persönliche Beziehung zur Insel Sylt.

Frau Nielsen, Sie lesen morgen Abend auf Sylt aus Ihrem Roman „Und unter uns die Welt“. Ist das für Sie eine besondere Veranstaltung?
Ja! Tatsächlich ist das die Lesung, auf die ich mich am meisten gefreut habe. Das liegt natürlich an meinem Sylter Großvater Christian Nielsen, dem Held meines Romans, der durch meine Geschichte an den Ort seiner Kindheit zurückkehrt – und sich so auch irgendwie der Kreis für mich schließt.

Christian Nielsen wuchs auf Sylt auf und fuhr viele Jahre zur See. Wie kam er schließlich als Navigator auf die Hindenburg?
Schon in seiner Kindheit war es der große Traum meines Großvaters, zu fliegen. Er wurde schließlich dritter Offizier der Crew des Luftschiffs „Graf Zeppelin“, dem Vorgängerluftschiff der „Hindenburg“, und fuhr damit regelmäßig von Friedrichshafen nach Rio de Janeiro. Weil ein Crew-Mitglied der „Hindenburg“ nach Berlin zu einer Schulung musste, wurde dort ein Platz frei. Die Deutsche Zeppelin-Reederei rief meinen Großvater an und fragte, ob er einspringen könne. So stieg er am 3. Mai 1937 an Bord nach Lakehurst und am 6. Mai kam es zu dem bekannten Unglück der „Hindenburg“.

Konnten Sie sich mit Ihrem Großvater über seiner Erlebnisse an Bord der Hindenburg unterhalten?
Nein, leider nicht. Mein Großvater ist vier Jahre, nachdem er mit der Hindenburg abgestürzt ist, verschwunden. Auch mein Vater hat ihn nie wirklich kennengelernt, er war vier oder fünf, als er verschwand. Aber wir haben viele Bilder von ihm, auch aus seiner Kindheit auf Sylt. Es gibt auch Briefe und ein Tagebuch, außerdem habe ich vor zwei Jahren seine Vernehmungsprotokolle im Washingtoner Archiv gefunden, als er nach dem Unglück der „Hindenburg“ vernommen wurde.


„Luftschiff ‚Hindenburg‘ durch Explosion zerstört. Der Westerländer Christian Nielsen unter den Geretteten“, schrieb die Sylter Zeitung am 7. Mai 1937.
„Luftschiff ‚Hindenburg‘ durch Explosion zerstört. Der Westerländer Christian Nielsen unter den Geretteten“, schrieb die Sylter Zeitung am 7. Mai 1937. Foto: Fotos: Archiv Nielsen


36 Menschen kamen bei dem Unglück ums Leben. Wie hat Ihr Großvater das Unglück überlebt?
Er hat ausgesagt, dass er kurz vor dem Absturz Dienst am Kartentisch hatte und die Glocke zur Landung der Hindenburg betätigte, woraufhin die Haltetaue abgeworfen wurden. Kurz darauf spürte er einen Ruck, die ganze Führergondel kippte und er rutschte nach hinten. Er gab zu Protokoll, dass es währenddessen ganz ruhig in der Gondel war. Als er aus dem Fenster schaute, sah er das riesige Flammenmeer.
Er hatte einen Freund an Bord, den Föhrer Eduard Boëtius. Beide waren 27, beide waren Nordfriesen und beide waren ehemalige Seeleute. Als solche wussten sie, in welche Windrichtung sie springen müssen, um den Flammen zu entkommen. So sind sie aus etwa zehn Metern auf eine relativ weiche Fläche gesprungen und waren wohl einigermaßen unverletzt. Dann sind sie zum Wrack und haben noch Menschen aus den Flammen gerettet, wofür beide später mit einer Rettungsmedaille ausgezeichnet wurden.

Sie haben lange für diesen Roman recherchiert. Fühlen Sie sich durch das Aufschreiben der Geschichte Ihrem Großvater näher?
Ja, total. Ich habe gemeinsam mit meinem Vater etwa zehn Jahre lang recherchiert, sieben davon sehr intensiv. Dadurch fühle ich mich meinem Großvater menschlich sehr verbunden und habe im Zuge der Recherchen oft von ihm geträumt. Er war früher ein abstrakter Held, aber jetzt habe ich auch seine Fehler und Schwächen kennengelernt – dadurch ist er mir näher gekommen. Aber es hat mich auch meinem Vater viel näher gebracht, der wiederum viel über seine Geschichte und seine Eltern erfahren hat.


Maiken Nielsens Großvater Christian Ende der 1920er Jahre.
Maiken Nielsens Großvater Christian Ende der 1920er Jahre.


Was war für Sie überraschend, was Sie noch nicht wussten?
Ich habe vor kurzem erst herausgefunden, wie Christian meine Großmutter kennengelernt hat: Im Sylter Archiv gab es noch Unterlagen über den Tanzwettbewerb, bei dem sie sich getroffen haben. Außerdem wissen wir von dem Freund meines Großvaters, Eduard Boëtius, dass er ihm auf der letzten Fahrt der „Hindenburg“ anvertraute, dass er sich von meiner Großmutter scheiden lassen will. Ich habe daraufhin erfahren, wann und unter welchen Umständen sich meine Großeltern kennengelernt haben: Sie hatten sich nur zweimal gesehen, bevor meine Großmutter schwanger wurde. Sie kannten sich also eigentlich gar nicht und waren wirklich unglücklich miteinander. Als ich meinen Vater fragte, ob es da vielleicht eine andere Frau gab, sagte er sofort „Ja, ich glaube schon“. Damit gab er mir grünes Licht, mir für den Roman eine andere Frau auszudenken – und das ist dann die fiktive Figur der Lil Kimming entstanden.

Kimming? Da denken wir auf Sylt sofort an das Sölring-Wort für Horizont. Haben Sie den Namen deshalb gewählt?
Ja (lacht), ich habe gehofft, die Sylter werden das verstehen. Es handelt sich dabei ein bisschen um einen persönlichen Gruß an die Sylter.

Hat sich bei Ihnen durch ihre Familiengeschichte eine besondere Beziehung zu Sylt aufgebaut?
Ja. Mein Vater ist auch zur See gefahren und ich konnte ihn glücklicherweise sehr viel begleiten. Aber wir waren jedes Jahr auf Sylt, weil meine Großtante, die Schwester von meinem Großvater Christian, in Morsum lebte. Bei ihr waren wir immer und Morsum ist in meiner Erinnerung der Ort meiner Kindheit.

Haben Sie die Faszination für die Seefahrt von ihrem Vater und Großvater?
Ich mochte die Seefahrt wahnsinnig gerne, weil ich immer mit meinem Vater auf Schiffen unterwegs war. Unsere Sylter Familie ist immer eine Seefahrer-Familie gewesen. Wir entstammen von der Sylter Familie Lassen, genauer gesagt von der ältesten Tochter von Merret Lassen. Ich hatte tatsächlich mal überlegt, selbst zur See zu fahren – habe mich aber dann entschieden, lieber Geschichten erzählen zu wollen, wie diese über meinen Großvater.

Ihr Großvater verschwand, als ihr Vater noch ein kleiner Junge war. Wissen Sie, was mit ihm geschah?
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, über die spreche ich aber nur ungerne, weil das ja auch das Romanende ist – und ich will ja nicht verraten, wie das Buch endet (lacht).








 

 

 

 

 

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erstellt am 26.Okt.2016 | 05:10 Uhr

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