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Sylter Rundschau

08. Dezember 2016 | 07:06 Uhr

Ärzte auf Sylt : Westerland hat die beste Hausarzt-Versorgung in Deutschland

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Im bundesweiten Vergleich gibt es in der Inselmetropole die meisten Hausärzte je Einwohner. Aber was macht den Reiz aus, auf Sylt zu praktizieren?

Sylt | Westerland ist der Ort mit der besten Hausärzte-Versorgung in ganz Deutschland. Der größte Ortsteil der Gemeinde Sylt hat einen Versorgungsgrad von 208,7 Prozent, wie aus einem am Dienstag dieser Woche in Berlin veröffentlichten Bericht des Wissenschaftlichen Instituts der AOK hervorgeht. Die Sylter Rundschau wollte wissen: Warum lassen sich so viele Ärzte in Westerland nieder? Was reizt sie daran, auf der Insel zu praktizieren?

Rund 24 niedergelassene Hausärzte arbeiten auf der Insel– davon 21 allein in der Gemeinde Sylt – , laut Kassenärztlicher Vereinigung (KV) praktizieren hier im Verhältnis zur Einwohnerzahl die meisten Hausärzte. Doch die „Überversorgung“ mit Hausärzten auf Sylt ist eher eine theoretische. Denn die KV berechnet den Versorgungswert anhand der Anzahl der Ärzte je Einwohner. Touristen – von denen sich im Sommer an einigen Tagen bis zu 150  000 auf der Insel tummeln – zählen in dieser Rechnung nicht mit.

„Der Anreiz der Insel ist es, dass man hier das Notwendige mit dem Positiven verbinden kann“, sagt Henning Bachmann, Allgemeinmediziner in Westerland. Zuvor hatte er in Berlin gelebt und schätzt nun das Inselleben, das für ihn „viel mehr Lebensqualität“ böte als zuvor in der Großstadt. Auf der Insel habe er alles, was er brauche: „Kurze Wege, nette Menschen und das Meer direkt vor der Tür“, sagt der Ende 40-Jährige. Zudem hätten die Ärzte – trotz der großen Dichte – genug zu tun. Lukrativer als auf dem Festland sei der Arztberuf auf Sylt allerdings nicht. Seine Praxis lebe vor allem von Syltern. „So viele Privatpatienten, wie man immer denkt, gibt es auf Sylt gar nicht“, sagt Bachmann.

Das bestätigt auch Andreas Dobrzinski, der seit 2003 in Westerland praktiziert. „Wirtschaftlich geht es uns eher schlechter hier auf der Insel“, sagt der 57-Jährige. Die Honorare wären die gleichen wie auf dem Festland – dafür seien aber Mieten und Lebenshaltungskosten höher. Zudem gäbe es auf Sylt, wegen der Saisonbesucher, kein kontinuierlich durchlaufendes Geschäft.

Im Gegensatz zu Bachmann spürt Dobrzinski einen Konkurrenzdruck unter den Hausärzten. „Wir sind hier sehr viele – man muss schon sehen, wo man bleibt“, sagt er. Das könne irgendwann zu einem Problem führen, weil immer mehr Einheimische die Insel verlassen und dadurch auch potentielle Patienten verschwänden. Woanders arbeiten möchte er allerdings nicht: Als Insulaner sei es für ihn, wie für viele andere Sylter, selbstverständlich gewesen, nach dem Studium zurück auf die Insel zu ziehen. „Sylt ist ein besonderer Standort“, sagt Dobrzinski. Hier sei der Freizeitwert sehr hoch – das schätze er besonders, um zum Beispiel sein Hobby Segeln ausüben zu können.

Stefan Köhn, Arzt in Keitum, arbeitet seit 16 Jahren als Mediziner auf der Insel. Der Facharzt für Innere Medizin ist hausärztlich und nicht fachärztlich tätig. „Die meisten Internisten auf der Insel arbeiten als Hausärzte“, sagt er. Wie viele es genau auf der Insel gibt, wisse er nicht. Köhn trägt außerdem – wie viele seiner Inselkollegenn– den Zusatztitel Badearzt (siehe Infokasten rechts unten). Mit dieser Zusatzausbildung darf der 54-Jährige bei Patienten so genannte Badekuren durchführen. „Die Menschen kommen zum Beispiel mit Atemwegserkrankungen oder nach Operationen zu mir, wenn sie sich für eine ambulante Reha entschieden haben“, erklärt Köhn. Diese meist älteren Patienten würden dann mit Massagen oder Bädern behandelt. Die Zahl der Patienten, die diesen Zusatzdienst in Anspruch nehmen, sinke jedoch stetig und extrem. „Mein Vorgänger hat noch rund 1000 Badegäste pro Jahr behandelt – bei mir sind es im Schnitt nur noch 15“, berichtet Stefan Köhn. Ein Grund dafür sei, dass heute weniger Badekuren verordnet werden, weil die Krankenkassen diese seltener genehmigen würden. In Westerland würden wahrscheinlich mehr Anwendungen durchgeführt als in Keitum, vermutet er.

Ähnlich dürfte das in den anderen Inselorten sein: In List und Hörnum können die Bewohner jeweils nur einen Hausarzt aufsuchen – ähnlich in Kampen und Wenningstedt:

In Westerland  gibt es die meisten Hausärzte auf Sylt. Aber auch Fachärzte sind fast ausschließlich im größten Inselort zu finden.
In Westerland gibt es die meisten Hausärzte auf Sylt. Aber auch Fachärzte sind fast ausschließlich im größten Inselort zu finden. Foto: Yalim
 

In der Übersicht nicht aufgeführt sind die Zahnmediziner: Diese werden gesondert von der Kassenzahnärztlichen Vereinigung (KZV) erfasst. Zahlen darüber, wie viele zahnmedizinische Praxen es auf Sylt gibt, lagen uns bis Redaktionsschluss nicht vor.

Die schlechteste Hausärzte-Versorgung in Deutschland hat laut AOK-Bericht das vorpommersche Grimmen mit 67,3 Prozent. Insgesamt jedoch sei Deutschland mit niedergelassenen Ärzten gut versorgt. Unter den Bundesländern liegt Hamburg mit einem Hausärzte-Versorgungsgrad von 116,6 Prozent hinter Berlin (118,0) auf Platz 2 vor Bayern (116,2). Schleswig-Holstein kommt mit einer Versorgung von 114,0 Prozent auf Platz 4. Mecklenburg-Vorpommern dagegen liegt mit 102,5 Prozent weit unter dem Bundesdurchschnitt (109,6) auf dem vorletzten Rang von Sachsen-Anhalt (101,5).

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erstellt am 21.Jul.2016 | 05:00 Uhr

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