zur Navigation springen

Sylter Rundschau

26. März 2017 | 07:31 Uhr

Fastenzeit auf Sylt : „Was gewinne ich, wenn ich verzichte?“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Mit einem Gottesdienst am Aschermittwoch wurde in der Seefahrerkirche St. Severin der Beginn der 40-tägigen Fastenzeit gefeiert.

Der Aschermittwoch – für evangelische Christen lange Zeit kaum von Belang – rückt, unverkennbar zu beobachten, in vielen Kirchengemeinden mehr und mehr ins Blickfeld. Und wird für das Leben auch der evangelischen Christen bedeutsam. Mit ihm beginnt nämlich nicht nur die Leidenszeit Jesu (Passion); der Tag markiert auch den Anfang der 40 Tage umfassenden Fastenzeit. Quasi als Vorbereitung auf das die Auferstehung Jesu festlich feiernde Osterfest.

Die Keitumer evangelische St.-Severin-Gemeinde feierte am 1. März unter dem biblischen Motto „Kehrt um zu mir von ganzem Herzen“ einen Gottesdienst zum Aschermittwoch. Die für einen Wochentag (und zum besagten Anlass) recht erfreulich zahlreiche Besuchergemeinde verfolgte zunächst die symbolische Schließung des Flügelaltars durch Pastor Ingo Pohl und Küster Detlef Volquardsen (siehe Foto). Eine neue Seite mit Szenen aus der Passion Jesu wurde aufgeschlagen. Eine neue Seite aufzuschlagen, so der geschickte Einstieg für die Predigt, sollte auch für die kommenden 40 Tage bis Ostern für die Christen gelten.

„Wir verlieren das Maß!“ Mit diesen Satz, in der Predigt mehrmals wiederholt, konfrontierte der Prediger die Gemeinde. Beispiele wie tägliches Fleischessen, massivster Autoverkehr oder der ununterbrochene Umgang (bei Jung und Alt gleichermaßen) „mit diesen elenden Geräten“ wie Handy und Internet reihten sich, in großer Eindringlichkeit vorgetragen, aneinander. Und Pastor Pohl fragte: „Was gewinne ich eigentlich, wenn ich auf etwas verzichte?“ Keineswegs zielte der Geistliche darauf ab, den Menschen die Freude am Leben zu nehmen: „Wir sollen uns nicht geißeln, nur mäßigen.“

 

„Wir verlieren das Maß“, mahnte Pastor Ingo Pohl in seiner Predigt.
„Wir verlieren das Maß“, mahnte Pastor Ingo Pohl in seiner Predigt. Foto: Fotos: Lorkowski
 

Was in langer Tradition in der Geschichte des Christentums, etwa im abendländischen Mönchtum mit seiner asketischen Lebensweise oder den regelmäßig praktizierten Schweige- und Auszeiten, was geistliche Übungen (Exerzitien) bereits seit Jahrhunderten erfolgreich einübten und vermittelten – das kam als vorbildliche „Gebrauchsanweisungen“ für die Gegenwart von der Keitumer Kanzel. „Zeiten des Maßhaltens sind Zeiten des Bewusstwerdens. Und diese daraus resultierenden Veränderungen bedeuten Lebensqualität.“ Anders ausgedrückt: Von eingefahrenen Ess-, Trink-, Feier- oder Kommunikationsgewohnheiten einmal für einen überschaubaren Zeitraum abzusehen, sie zu lassen oder zu ändern, das hat Folgen: Die Sinne werden geschärft, gedankliche Klarheit tritt (wieder) ein, der Blick auf das Wesentliche im Leben schafft sich Raum. Und natürlich wird auch der Körper wieder vitaler und gesünder.

Eindringlich geißelte der Seelsorger die Handy(un)kultur: Sie hält viele Menschen in Atem, hetzt und treibt sie vor sich her, raubt ihnen Zeit für Muße und Besinnung. „Wer hetzt uns da eigentlich? Wer verlangt von uns, immer und sofort zur Stelle zu sein und zu antworten?“ Einfach beiseite legen, gar abschalten, so die Antworten. Einfach 24 Stunden abwarten mit einer Antwort. Wenn sie dann überhaupt noch erforderlich ist. Denn vieles erledigt sich von selbst und wird nach einer Pause einfach unwichtig. „40 Tage ohne ein ‚Sofort‘“ - auch das kann Fasten bedeuten, so Ingo Pohl.

Sorgsam und zur Thematik geschickt ausgewählte Musikbeiträge, an der Orgel durch Alexander Ivanov zu Gehör gebracht, unterbrachen den Gottesdienst, schufen Momente der Stille und des Atemholens, regten zum Nachdenken an. „Ein recht liturgisch geprägter Gottesdienst mit seiner Musik, der Stille, den klaren Predigtworten und den Gebeten – das war ein Gewinn,“ so eine Besucherin auf dem Nachhauseweg.

Ab heute bis kommenden Sonnabend, 11. März, findet im Keitumer Pastorat die Fastenwoche 2017 unter Leitung von Pastorin Susanne Zingel statt – eine Woche um innezuhalten, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und zu reflektieren. Gefastet wird nach dem Prinzip von Dr. Buchinger mit Kräutertees, Obst- und Gemüsesäften und heißer Gemüsebrühe. Nach einem Entlastungstag am Sonntag trifft sich die Gruppe dann täglich, um sich über die Erfahrungen beim Fasten auszutauschen und sich gegenseitig zu bestärken. Die Treffen beginnen jeweils mit Übungen aus den Bereichen Gesundheit, Ernährung und Bewegung und schließen mit dem gemeinsamen Einnehmen der Fastenbrühe und Abendsegen. Die Fastenwoche endet mit einem Abschlussgespräch im Keitumer Pastorat und dem anschließenden gemeinsamen Besuch des Abendgebets in St. Severin.

zur Startseite

von
erstellt am 04.Mär.2017 | 05:56 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen