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Sylter Rundschau

24. Juli 2016 | 18:34 Uhr

Flüchtlinge auf Sylt : Vom Radeln und größeren Freiheiten

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Rasha Bamatraf (28) ist alleine aus dem Jemen nach Deutschland geflohen. Nun macht sich die junge Frau für andere Menschen stark.

Zum Treffen kommt Rasha Bamatraf mit dem Fahrrad, für die 28-Jährige eine Wiederentdeckung: „Mein erstes Fahrrad wurde mir als Fünfjährige weggenommen“, erzählt sie in fließendem Englisch, „in einer muslimischen Familie gehört es sich nicht, dass ein Mädchen Fahrrad fährt.“ Rasha Bamatraf ist in Sanaa, der Hauptstadt des Jemen, aufgewachsen und im vergangenen Frühjahr vor den Repressalien ihrer streng muslimischen Familie und der jemenitischen Gesellschaft nach Deutschland geflohen. Nun lebt sie auf Sylt.Die Möglichkeit, wieder Rad zu fahren ist nur ein winziger Teil dessen, was sie in ihrer neuen Heimat als befreiend empfindet.

Sie erzählt, dass sie schon als kleines Mädchen Zweifel am Glauben und an den strengen Regeln des Islam gehabt habe, der ihren Brüdern ein deutlich freieres Leben erlaubte als ihr und ihrer Schwester. Diese Zweifel wurden während ihres Studiums in Malaysia verstärkt, dort traf die kluge und aufgeschlossene junge Frau auf Kommilitonen aus aller Welt, die ihr neue Ideen, neue Lebensentwürfe näher brachten.

Heute, sagt sie, würde sie sich als Atheistin bezeichnen. Aber eigentlich halte sie von solchen „Labels“ nichts. In ihrer Heimat, dem Jemen, hätte sie mit dieser Aussage allerdings ein heftiges Problem: Dort schreibt die Verfassung den Islam als Staatsreligion vor.

Nach Abschluss ihres BWL-Studiums kehrte sie zunächst in den Jemen zurück. Dann, berichtet sie, hätten die wahrscheinlich schlimmsten Jahre ihres Lebens begonnen: Zwar konnte sie bei einer internationalen Ölfirma arbeiten, zuhause aber lebte sie weiter unter der Kontrolle ihrer männlichen Verwandten: „Wenn ich abends später telefoniert habe, wenn ich nicht sofort gemacht habe, was meine Bürder gesagt haben, gab es Ärger.“ Die Erfolge, die sie gegen ihre Familie durchsetzen konnte, waren klein: So habe sie sich irgendwann nicht mehr voll verschleiert, sondern ihr Gesicht frei gelassen. Doch das allein reichte natürlich nicht aus. Zudem machte ihre Familie immer stärker Druck, dass sie endlich heiraten soll.

Sie sei ein freier Geist, erklärt Rasha Bamatraf, deren sorgfältig frisierte Locken heute locker ihr Gesicht umspielen, sie habe so nicht leben können. Also plante sie ihre Flucht. Ihrem Vater habe sie erzählt, dass sie für ihren Beruf dringend eine Fortbildung in Deutschland besuchen müsse. Der Vater gab ihrem Drängen nach, bestimmte aber, dass ihre Mutter sie auf dieser Reise begleite. Mutter und Tochter reisten nach Ägypten, um dort ein Visum zu beantragen – im Jemen ist die deutsche Botschaft geschlossen. Doch dann wurde das Visum für ihre Mutter abgelehnt, lediglich Rasha Bamatraf durfte nach Deutschland einreisen. An diesem Punkt ihrer Geschichte, die sie bisher sehr unbefangen und entspannt erzählt hatte, fällt es der jungen Frau deutlich schwerer, weiter zu sprechen. Ihre Mutter, sagt sie, habe zu diesem Zeitpunkt wohl schon geahnt, warum ihre Tochter wirklich nach Deutschland will. „Sie hat gesagt, wenn ich glaube, dass ich dort glücklich werde, soll ich fliegen“, erzählt sie. Sie fliegt, und kommt im April vergangenen Jahres in Deutschland an. Wenige Tage, nachdem in Jemen der Krieg ausbricht. Mit ihrer Mutter telefoniere sie regelmäßig: „Ich erzähle ihr immer nur die schönen Sachen. Nie, dass ich manchmal auch einsam bin.“ Sie soll sich schließlich keine Sorgen machen.

In Deutschland wird sie in die Erstaufnahmeeinrichtung in Neumünster geschickt. Dort allerdings bleibt sie nicht lange: Nachdem ihr männliche Flüchtlinge aus dem Jemen damit gedroht hätten, ihren Schädel einzuschlagen, sollte sie nicht sofort ihren Kopf bedecken und vor ihnen beten, habe die Polizei dafür gesorgt, dass sie schnellstmöglich in Sicherheit, in diesem Fall nach Sylt komme, erzählt Rasha Bamatraf. Die Insel sei ein guter Ort um anzukommen und Deutsch zu lernen, findet sie und lobt die Gastfreundschaft der Insulaner.

Ihre eigene Sicherheit will die junge Frau nun dafür nutzen, sich für andere Menschen stark zu machen. So ist sie im Kontakt mit verschiedenen Menschenrechtsorganisationen, engagiert sich online unter anderem für die Freilassung des saudischen Internetaktivisten Raif Badawi und für andere politisch Verfolgte. „Ich habe etwas zu sagen“, sagt Rasha Bamatraf. Jetzt, wo sie die Chance hat, möchte sie ihre Stimme nutzen.

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erstellt am 04.Jan.2016 | 18:20 Uhr

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