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Sylter Rundschau

05. Dezember 2016 | 05:36 Uhr

Integrationshilfe Sylt : Vom Chaos zur Profi-Sprachschule

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Die Sprachschule für Flüchtlinge in Westerland besteht bereits seit einem Jahr und hat eine bemerkenswerte Entwicklung durchlaufen.

Es herrscht ein riesiges Gewusel – und dann ist es plötzlich ganz still: Es ist Unterrichtsbeginn an der Sprachschule der Integrationshilfe in Westerland, die seit genau einem Jahr Deutschkurse für Flüchtlinge anbietet. „Hier hat sich seitdem ganz viel getan“, erzählt Claudia Wolters. Die Lehrerin ist die Schulleiterin und hat die organisatorische sowie die didaktische Leitung. „Es ist unglaublich, was unsere Lehrer hier leisten. Man muss bedenken, dass die anfängliche Euphorie deutlich nachgelassen hat und das Lehrer-Team von 50 auf circa 30 geschrumpft ist“, erklärt Wolters. Dafür seien die einzelnen Lehrer jetzt viel besser geschult als am Anfang und können nun größere Gruppen unterrichten. „Anfangs war hier manchmal großes Chaos, aber jetzt hat sich vieles eingespielt und wir können durchaus mit einer professionellen Sprachschule konkurrieren“, so die Lehrerin.

Claudia Wolters hat im vergangenen Jahr viel Arbeitsmaterial zusammengetragen und zum großen Teil selbst erarbeitet, das nun zielgerichtet in den unterschiedlichen Lernstufen eingesetzt werden kann. „Die Besonderheit bei uns ist, dass wir sogenannte Alphabetisierungsklassen haben, in denen die Menschen das Lesen und Schreiben lernen. Denn bei uns kommen Menschen an, die zum Teil noch nie zur Schule gegangen sind“, so Wolters. Hier zeigt sich auch der Erfolg des letzten Jahres. Die ersten Alphabetisierungsklassen wurden bereits aufgelöst und sind nun progressive Klassen. Eine weitere Besonderheit sei die sogenannte „Sonnenklasse“. Das ist sprachgestützter Unterricht, wo es ausschließlich ums Sprechenlernen geht. Hierzu musste Wolters eigens Zwischenmaterial anfertigen: „Für diese Art des Sprachenlernens gibt es kein Material.“

Was hat sich noch geändert? Alles sei jetzt routinierter und vor allem wird jetzt mehr auf Disziplin geachtet. Es werden Klassenbücher geführt, in denen festgehalten wird, was die jeweilige Klasse an jedem Tag erarbeitet hat, sodass das Material für die nächste Stunde darauf aufbauen kann. Wolters betont, dass alles auch strenger geworden sei: „Wir führen Anwesenheitslisten achten verstärkt auf Pünktlichkeit und wer zu spät kommt, wird gleich wieder nach Hause geschickt.“ Das höre sich hart an und falle der Lehrerin auch schwer, aber diese Struktur habe sich bewährt. Es gehe um Respekt den ehrenamtlichen Lehrern gegenüber und den anderen Schülern. Genauso wichtig ist es, dass die Schüler regelmäßig kommen, sonst halten sie den Rest der Klasse auf. „Es gibt zwei Verwarnungen, dann fliegen die Leute raus.“

Was sich ebenfalls geklärt habe, sei die anfängliche Problematik mit der VHS, die in der Einrichtung der Integrationshilfe anfangs eine Konkurrenz gesehen habe. „Wir betreuen hier ein ganz anderes Klientel, erklärt Wolters, „Wir bereiten die Schüler im Grunde auf den Unterricht in der Volkshochschule vor.“

Momentan gibt es allerdings eine Sache, die der Leiterin große Bauchschmerzen bereite: die Kinderbetreuung. „Wir müssen hier manchmal bis zu 14 Kinder betreuen und brauchen dringend mehr Personal“, erklärt Wolters. Momentan könne sich die Schule nur dienstags, mittwochs und donnerstags um die Kinder kümmern. Deshalb müsse montags der Unterricht ausfallen, weil die Mütter sich dann selbst um ihre Kinder kümmern müssen und nicht in den Unterricht kommen.

Des Weiteren konnte die Sprachschule sich eine zweites Standbein aufbauen. Es gibt jetzt sogenannte Selbstzahler, das sind Menschen, die kein Flüchtlinge sind, aber trotzdem das Angebot der Schule wahrnehmen wollen. „Das sind unter anderem Letten, Polen, Italiener und Russen, die für einen geringen Obolus am Unterricht teilnehmen können“, so Wolters.

Die Sprachschule hat auch eine „Kleiderstube“, die nun mit dem Kälteeinbruch wieder an Bedeutung hinzu gewonnen hat. „Wir wollten da eigentlich den Ball flach halten, aber jetzt durch den Wintereinbruch ist der Bedarf einfach wieder so enorm, die Kinder müssen warm angezogen sein“, so Wolters, die noch hinzufügt, dass es auch bedürftige Sylter gebe, die donnerstags zur Ausgabe kommen würden. „Hier kann jeder kommen, das läuft alles ganz anonym und über Spenden freuen wir uns immer.“ Der Anfängergeist sei jedoch verloren gegangen, so Wolters. Viele Menschen, die zu Beginn sehr engagiert waren, hätten aufgegeben. Es wäre für viele zu anstrengend gewesen. Daher ist Claudia Wolters umso gerührter von denen, die immer noch dabei sind. Viele würden hier neben ihrem Beruf ihre Freizeit aufopfern. „Die nehmen die Herausforderung an – mit all ihren Schwierigkeiten, das finde ich einfach toll und ich bin unendlich dankbar dafür.“

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