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Sylter Rundschau

02. Dezember 2016 | 19:17 Uhr

Festmachen auf Sylt : Sylt macht Flüchtlinge zu Azubis

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Mit dem Ausbildungs-Programm „Festmachen auf Sylt“ sollen Flüchtlinge für eine gastronomische Ausbildung auf der Insel vorbereitet werden.

Es ist ein bundesweit einzigartiges Konzept, für das die Bewerbungsphase gerade begonnen hat und das bereits im Herbst an den Start gehen soll: Das Ausbildungs-Programm „Festmachen auf Sylt“ richtet sich an 30 Flüchtlinge auf Sylt, die eine Ausbildung im gastronomischen Bereich anstreben und in dem Programm darauf vorbereitet werden sollen. Die jungen Menschen sollen durch berufsbezogenen Unterricht, Sprachbildung und Bewerbungscoaching fit gemacht werden mit dem Ziel, dass die Teilnehmer nach einem Jahr die deutsche Sprache so gut beherrschen, dass sie im September 2017 eine reguläre dreijährige Berufsausbildung im Gastgewerbe beginnen können.

Der Lister Hoteldirektor Gordon A. Debus ist gemeinsam mit Claas-Erik Johannsen, Vorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) Sylt und Inhaber des Privat-Hotels Benen-Diken-Hof, einer der Initiatoren des Konzepts (wir berichteten). In einem Gesprächskreis im Westerländer Rathaus nahm es schließlich immer mehr Gestalt an: Die Gemeinde hatte im März die Hoteliers, Vertreter der Integrationshilfe Sylt, des Vereins Sylter Unternehmer und andere eingeladen, über die Beschäftigung von Flüchtlingen auf der Insel zu sprechen. „Damals sollten wir uns überlegen, ob ein solches Projekt auch wirklich umsetzbar ist“, berichtet Claas-Erik Johannsen.

Die Arbeitsgruppe holte sich schließlich Catharina Nies, Referentin für Flüchtlingsfragen der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Flensburg, mit ins Boot. Dazu kamen unter anderem noch die Agentur für Arbeit Flensburg, die Berufsschule Niebüll sowie Danica Jansen als Vorsitzende der Integrationshilfe Sylt. In gemeinsamer Arbeit entstand das endgültige Konzept, das dem Sozialausschuss der Gemeinde Sylt in einer Sondersitzung am vergangenen Montag vorgestellt wurde.

Die anwesenden Politiker zeigten deutlich ihre Zustimmung und sicherten darüber hinaus eine finanzielle Unterstützung zur allgemeinen Sprachförderung in Höhe von knapp 20  000 Euro zu. Die weiteren Kosten des Projekts werden von verschiedenen Kooperationspartnern getragen.

„Wir sind wirklich begeistert, was hier entstanden ist“, sagte Bürgermeister Nikolas Häckel in Richtung Claas-Erik Johannsen. „Dieses Konzept kann und soll Leuchtturm-Charakter haben und auch über die Insel hinaus Werbung machen für eine Integration durch Arbeit.“

Das Programm ist gestaffelt in drei Stufen: Die Erste dauert etwa sechs Monate und trägt die Überschrift „Herbstqualifizierung“. In dieser umfangreichen Vorbereitungsphase sollen die Geflüchteten für ihre künftige Ausbildung gerüstet werden. Sie absolvieren drei einwöchige Praktika in verschiedenen Hotels und gastronomischen Betrieben, fertigen Bewerbungsunterlagen an, durchlaufen eine Sprachstanderhebung und bemühen sich zum Frühjahr 2017 um einen Ausbildungsplatz in einem der Programm-Ausbildungsbetriebe.

Die zweite Phase, die so genannte Einstiegsqualifizierung (EQ), ist ein langsamer Einstieg in das erste Ausbildungsjahr. Diese soll im Anschluss an die Herbstqualifizierung im Frühjahr 2017 starten. Besonders um sprachliche Defizite auszugleichen soll die Einstiegsqualifizierung der Ausbildung vorgeschaltet sein. „In dieser Phase existiert bereits ein Vertragsverhältnis zwischen dem Flüchtling als Azubi und dem Ausbildungsbetrieb“, erklärt Claas-Erik Johannsen. Im Mittelpunkt stehen dabei die Vermittlung und Vertiefung fachtheoretischer Grundlagen des ersten Ausbildungsjahres sowie ein berufsbezogener Sprachunterricht. Gleichzeitig sollen die Flüchtlinge ihren künftigen Ausbildungsbetrieb kennen lernen – und umgekehrt: Es ist vorgesehen, dass sie drei Tage in der Woche die Berufsschule besuchen und zwei Tage den Ausbildungsbetrieb. Die monatliche Vergütung während der Einstiegsqualifikation orientiere sich an dem Ausbildungsgehalt des ersten Ausbildungsjahres und betrage gemäß den tariflichen Standards monatlich 560 Euro, berichtet Catharina Nies von der IHK. Um den reduzierten betrieblichen Anteil sowie die sprachlichen Defizite zu kompensieren, erhalte der Ausbildungsbetrieb für die Dauer der Einstiegsqualifizierung allerdings eine Förderung seitens der Arbeitsagentur in Höhe von 231 Euro je Teilnehmer. Darüber hinaus übernimmt diese einen Anteil am Gesamtsozialversicherungsbeitrag in Höhe von monatlich 116 Euro.

Am Ende dieser zweiten Phase haben sich die Anwärter in der Regel für einen der drei klassischen Hoga-Ausbildungsberufe entschieden und vorbereitet und können in Phase Drei – ihre eigentliche Ausbildung – starten, so Nies.

Gordon A. Debus bestätigt das große Interesse der Ausbildungsbetriebe an dem Programm: „Die großen Hotels der Insel, darunter alle fünf Privat-Hotels, das Hotel Stadt Hamburg oder das Dorint Hotel, haben bereits unterschrieben, dass sie daran teilnehmen möchten“. Das liege vor allem an der gegenwärtigen Situation auf Sylt: Zurückgehende Auszubildendenzahlen und Fachkräftemangel sind auf der Insel an der Tagesordnung und die Lage für gastronomische Betriebe wird zunehmend schwieriger. Nun brauche das Projekt nur noch Anwärter: Aktuell gebe es 19 Flüchtlinge, die ihr Interesse geäußert hätten, sagt Claas-Erik Johannsen. „Wir werden jetzt aber natürlich intensiv Werbung machen, um schließlich auf 30 Leute zu kommen, die dieses Projekt starten können.“

Alle Informationen zum „Festmachen auf Sylt“ gibt es unter www.ihk-sh.de/festmachen-auf-sylt. Bewerbungsschluss ist der 11. September.

Kommentar

von Julia Nieß

Das Projekt „Festmachen auf Sylt“ ist eine riesengroße Chance für alle Beteiligten. Zuallererst natürlich für jeden Flüchtling, der auf dieser Insel Fuß fassen möchte und eine Ausbildung anstrebt. Dann profitieren die gastronomischen Betriebe, die aufgrund des wirklich eklatanten Fachkräftemangels auf der Insel große Herausforderungen meistern müssen. Aber auch eine dritte Beteiligte profitiert ungemein, sodass das Projekt nicht nur eine Win-Win, sondern sogar eine Win-Win-Win-Situation darstellt: Die Insel kann durch die mediale Aufmerksamkeit, die dieses Programm in den kommenden Wochen auf sich ziehen wird, nur gewinnen. Die Sylter Integrationsarbeit könnte als Vorbild viele andere Gemeinden zum Nachmachen animieren und sich so fernab von der sonst üblichen plakativen Berichterstattung über die „Insel der Reichen und Schönen“ weltoffen und hilfsbereit präsentieren – und auch zeigen, was sie in ihrem sandigen Herzen ist: ein wahrer Gastgeber.


 

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Sylter Rundschau-Redakteurin Julia Nieß von
erstellt am 16.Aug.2016 | 05:52 Uhr

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